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Anamnese unter erschwerten Bedingungen. 14/06/2013

Posted by Hermione in Rettungsdienst, WTF.
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Bei dem Titel denkt ihr jetzt sicher an Sprachbarrieren oder an bewusstlose Patienten. Weit gefehlt. Die Anamnese war aus “Datenschutzgründen” nahezu unmöglich.

Später Nachmittag. Der Melder verspricht uns einen internistischen Patienten. Wir lassen Kaffee und Kekse zurück in der Obhut unserer Kollegen vom zweiten RTW und machen uns auf den Weg, Menschenleben zu retten.

Am Einsatzort angekommen, werden wir bereits von einer Angehörigen erwartet und ins Wohnzimmer gebeten. Dort sitzt er, der Patient.

“Guten Tag, Rettungsdienst, was können wir …”
“Ich muss ins Krankenhaus!”

Ja, das ist ein guter Einstieg ins Gespräch. Haken wir doch mal nach.

“Was ist denn das Problem?”
“Sie müssen mich ins Krankenhaus bringen!”

Mein Kollege und ich tauschen einen leicht ungeduldigen Blick. Das wird ein Spaß.
Er erklärt dem Patienten, dass wir schon wissen müssen, warum er uns gerufen hat. Die hilfreiche Antwort ist – na, wer errät’s? Richtig: “Mir gehts nicht gut, ich muss jetzt ins Krankenhaus!”

Gut, so kommen wir nicht weiter. Vielleicht verrät unser schweres Rettungszubehör uns ja mehr. Ich schalte den Defi ein und pack den Fingerclip vom Pulsoxy aus. “Das steck ich ihnen jetzt mal auf den Finger, das tut nicht weh.” Skeptisch beobachtet der Patient mein Wirken. Als er merkt, dass der lustig leuchtende Clip einen Wert auf den Monitor vom Defi überträgt, reißt er sich das Pulsoxy wieder runter und brüllt “DAS GEHT SIE GAR NIX AN!”

… und genau in dem Moment stehen der Notarzt und sein Assistent in der Tür.

Die beiden gucken ähnlich beschmiert aus der Wäsche wie mein Kollege und ich. Was soll der Mist?
Nach einer Schrecksekunde stellt unser Notarzt sich dem Patienten vor, und fragt nach warum er uns denn gerufen hat. Die Antwort können sich jetzt sicher alle denken.

Mit viel guten Zureden seitens des Notarztes lässt der Patient dann immerhin ein bisschen Diagnostik zu. Pulsoxy ist jetzt okay, das 3-Kanal-EKG wird toleriert und den Blutdruck dürfen wir auch messen. Wow.
Die Werte sind nicht wirklich berauschend, aber noch im Rahmen. Dafür würde man ja eigentlich nicht den Rettungsdienst rufen … aber andererseits wurden wir schon für viel weniger notfallmäßige Wehwehchen gerufen.

Also nochmal freundlich aber bestimmt nachgehakt, ob es denn ein Problem mit der Luft sei. Keine Antwort, nur ein leicht feindseeliger Blick.
Ob er denn irgendwelche Vorerkrankungen habe, fragt der Doktor.

“DAS SAG ICH IHNEN NICHT, DAS IST PRIVAT!!!”

Öhm …
Der NEF-Assistent hat offensichtlich keine Lust mehr auf diesen Scheiß und teilt dem Patienten mit Nachdruck mit, dass wir ihn weder behandeln noch ins Krankenhaus bringen werden, wenn er nicht kooperiert und uns nicht langsam mal mitteilt, warum er den Notruf gewählt hat.

Ratet! RATET!!!

Der gute Mann leidet an Verstopfung. Verstopfung! Seit zwei Tagen. Zwei Tage!

Wir haben ihn freundlich darauf aufmerksam gemacht, dass man an einem Wochentag um diese Uhrzeit durchaus noch seinen Hausarzt in der Praxis antrifft, und uns vom Acker gemacht.

Verstopfung. Und dafür hab ich meine Kekse an die Kollegen verloren …

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Kommentare»

1. Patty - 14/06/2013

Oh nein! *Dicke Kekspackung rüberreich*

2. Flo - 14/06/2013

Wow, es gibt ja doch eine Steigerung zu den Kindern die selber Ärzte sind und alles nötige mit der Zielklinik schon geklärt haben und keine Übergabe für nötig halten.

3. stellinchen - 14/06/2013

Krass O_o ^^

4. gedankenknick - 14/06/2013

Hmm… also ich als Pharmazeut würde ja anmerken: Ein ordentlicher Einlauf hätte geholfen… ;-)

5. DecemberKid - 14/06/2013

What the fuck?! Manche Menschen sind echt unglaublich o_O

6. alltagimrettungsdienst - 14/06/2013

da fehlen einem echt die Worte…

7. turtle of doom - 16/06/2013

“nur ein leicht feindseeliger Blick”

Das hat mich gerade dazu gebracht, darüber nachzudenken, ob Feinde überhaupt über eine Seele verfügen. :)

Hermione - 16/06/2013

Kommt drauf an, ob sie von einem Dementor geküsst wurden oder nicht…

8. Rettungsdackel - 17/06/2013

Hatten wir auch vor kurzen. Alarm; VP in Bushaltestelle nacht um 2. Bei Eintreffen stand da nur ein türkischer Mitbürger. Auf die Frage ob er den RD gerufen hat entstand ein ähnlicher Dialog wie oben. Nur stellte sich bei uns raus das er wohl irgendwelche Spiele mit einer Glühbirne gemacht und und die dabei zerbrochen ist und er jetzt aus einer bestimmten Öffnung heraus blutet. War ihm wohl Mörder peinlich

9. julez - 19/07/2013

Solche Fälle seh ich einmal wöchentlich in der Notaufnahme. Entweder als Selbstvorsteller oder auch tatsächlich durch den Rettungsdienst zugestellt! *kopfschüttel*

10. wilfried - 17/08/2013

Daraus lernen wir: Die Menge der Situationen und Lebensumstände aus denen Menschen – auch notfallmässig – gerettet werden möchten, ist unendlich gross und lässt sich weder einfach noch gar kurz definieren.

Á propos Rettung, wenn auch langsam: Mir sind etliche Personen begegnet, die für ihre(n) Ehepartner(in) vehement eine intensive Sprachtherapie forderten – aber eigentlich eine (mentale) Verjüngungskur für ihn/sie haben wollten. – Irrerweise kann ich das sogar verstehen (, wenngleich nicht liefern …) – Das werden dann manchmal hochbrisante Selbsterkenntnis-Dialoge … – Denn wer nicht jung sterben will, muss sich mit dem Älterwerden auseinandersetzen …


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