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Demotivationstraining 11/10/2010

Posted by Hermione in Schule, so bitte nicht, WTF.
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Damals, als ich noch jung war und kurz vor meiner Rettungsassistentenprüfung stand (also vor einem halben Jahr), trug sich die folgende wahre Geschichte zu.

Zwei Wochen vor der Prüfung waren wir natürlich alle wie die aufgescheuchten Hühner. Im Unterricht waren jetzt nahezu jeden Tag Repetitorien angesagt, in denen uns bewusst wurde wieviel wir doch noch dringend lernen mussten, und außerdem gab es an jedem Tag auch noch Praxistraining in allen prüfungsrelevanten Sachen.

So wurden wir in drei Gruppen eingeteilt, mit internistischen und chirurgischen Fallbeispielen gequält und durften natürlich auch stundenlanges Megacodetraining durchleiden.
Um einen ganz besonders tollen Nachmittag beim Megacodetraining soll es in diesem Artikel gehen.

Nachdem der Dozent, der die Sache ursprünglich leiten sollte, kurzfristig verhindert war, musste ein anderer, uns bis dahin noch unbekannter Dozent einspringen.
Der Gute machte sich in unserem Kurs allerdings recht schnell einen Namen…

Mein Teampartner und ich hatten das große Glück verdammte Pech, als erstes gefoltert zu werden reanimieren zu dürfen.
Es fing schon vor der verschlossenen Tür seltsam an. Als ich mich gerade hingekniet hatte, um den Koffer zu öffnen und zu kontrollieren, ob alles (und auch in ausreichender Zahl) vorhanden und funktionstüchtig war, wurde ich vom genervten Dozenten dazu aufgefordert, den Koffer zuzulassen und mir endlich die Handschuhe anzuziehen. Mein Teampartner und ich tauschten einen erstaunten Blick, und wir erinnerten den Dozenten daran, dass wir den Koffer erst checken mussten – wird ja in der Prüfung auch so verlangt. Wenn irgendwas dann in der Prüfungssituation nicht vorhanden ist, sind wir nämlich am Ende die Dummen. Mal davon abgesehen ist es im wahren Leben auch eher scheiße, ohne Material beim Patienten aufzutauchen, weil niemand mal nachgeguckt hat…

Der Dozent versicherte uns, dass alles vorhanden war und meinte dann, dass wir für’s Kofferchecken nicht genug Zeit hätten, weil wir ein großer Kurs mit vielen Teams wären und es ohnehin schon knapp genug wär. Okaaay, bis dahin hat es auch immer geklappt, aber nun gut.

Bereits leicht genervt betraten mein Teampartner und ich also den MC-Raum, und dann nahm das Unheil seinen Lauf…

Netterweise war unser Patient noch bei Bewusstsein.
(Sorry Patient, aber das habe ich beim Megacodetraining immer am meisten gehasst! Wenn Du schon tot daliegst, kann man sich wenigstens schön nach dem Algorithmus um Dich kümmern. So ist es halt verwirrend und schwierig, im richtigen Zeitpunkt vom Darsteller zum Dummy zu wechseln, und überhaupt – beim Megacodetraining ist es echt blöd, wenn der Mensch anfangs noch rumhampelt!)
Jedenfalls ging es dem Patienten wohl nicht ganz so gut, er hatte laut eigener Aussage AP-Beschwerden und laut Dozent war der Puls seeeeeehr schnell. Da haben wir also das Pulsoxy drangehangen, mein Teampartner hat ihm die EKG-Elektroden aufgeklebt und ich wollte in der Zwischenzeit mal Blutdruck messen, um zu gucken, ob Nitro eventuell möglich wäre.

Was ich auch getan hätte, wenn im Koffer ein Blutdruckmessgerät vorhanden gewesen wäre.
Tja, scheiße. In dem Moment ging mir außer „Fuck!“ nicht mehr viel durch den Kopf, ich hab den Koffer noch einmal nahezu panisch durchwühlt und dann meinen Teampartner informiert. Er schien auch nicht besonders glücklich darüber zu sein. Nitro hatte sich damit natürlich erledigt.
Ab diesem Moment habe ich den Dozenten in Gedanken mit einigen durchaus unschönen Ausdrücken bezeichnet.

Aber das war natürlich noch nicht alles, der Spaß hatte gerade erst begonnen!

Besonders lange blieb unser Patient mit dem unbekannten Blutdruck nämlich natürlich nicht mehr bei Bewusstsein, und wir durften endlich zum Megacode-Dummy wechseln.
Atmung und Kreislauf verließen ihn auch recht schnell, und mein Teampartner und ich gewannen langsam wieder Fassung und Selbstsicherheit zurück und arbeiteten unseren Algorithmus ab. Leider zeigte sich recht schnell eine weitere Komplikation, der Dummy ließ sich nämlich leider gar nicht bebeuteln. Da hab ich dann ein weiteres Mal geguckt, ob die oberen Atemwege auch wirklich frei waren (waren sie, und dabei hatte ich schon erwartet, dass der Dozent ihm ein Verbandpäckchen bis zum Anschlag in den Rachen gestopft hatte…), den Kopf ein bisschen mehr überstreckt, die Maske ein wenig fester aufs Gesicht gepresst – vergebens.
Nun gut, dachte ich so in meinem jugendlichen Leichtsinn, dann kriegt der halt nen Larynxtubus. Hätte er auch bekommen, wenn einer auf dem Koffer gewesen wäre. Was hab ich mir nur dabei gedacht, an diesem Punkt noch davon auszugehen, dass der Koffer vernünftig bestückt sein könnte?
Teampartner kurz gefragt, im wievielten Drückdurchgang er sich gerade befindet und gemeinsam beschlossen, dass ich versuchen soll, zu intubieren.
Zu meiner großen Überraschung fand sich tatsächlich alles, was ich für eine Intubation brauchte, im Koffer. Also schnell (aber sorgfältig) den Tubus vorbereitet, das Laryngoskop geschnappt, Spatel aufgesteckt und – Überraschung!
Ohne Batterien blieb es leider dunkel… In diesem Moment war ich einfach nur noch fassungslos, hockte wie erstarrt am Kopfende des Patienten und hatte wohl einen wirklich sehr verzweifelten Gesichtsausdruck.
Im Koffer fanden sich natürlich auch keine Batterien, und als ich dann mal (deutlich genervt) in die Runde gefragt habe, ob irgendeiner der anderen zufälligerweise ein paar Batterien dabei hätte, erstarrte auch mein Teampartner.
Die anderen Teams, die uns zusahen, wirkten auch extrem genervt davon, wie der Dozent uns vorführte.
Dieser Idiot Mensch grinste mich auch noch ganz frech an und erinnerte mich daran, dass die anderen gar nicht anwesend seien und dass ich in der Prüfung auch nicht das Wort ans Publikum richten dürfe. Ja, dankeschön.
Wir waren dann auch nicht mehr sonderlich überrascht, dass mein Teampartner dann beim Zuganglegen nur eine einzige rosa Viggo aus dem Koffer fischen konnte, natürlich ohne Viggopflaster (da kann man natürlich improvisieren, aber das kostet Zeit). Supra gabs natürlich auch nicht im Partyfässchen, sondern nur in 1ml-Ampullen.
Zusammengefasst kann man sagen, dass dieser Dozent uns einfach nur fertigmachen wollte.

Das Ende vom Lied: Unser Patient ist natürlich verreckt.

In der Nachbesprechung direkt im Anschluss an unsere kleine Zirkusnummer hatte der Dozent jede Menge an uns auszusetzen. Wir hätten uns viel zu sehr irritieren lassen von den unerwarteten Komplikationen. In der Prüfung wäre das ja eine klare Sechs gewesen, mit dieser „Leistung“ (er sprach die Anführungsstriche geradezu mit) wären wir mit Pauken und Trompeten durchgefallen. Er hatte sogar noch die Frechheit, uns daran zu erinnern, dass wir nur noch vier Tage bis zur Prüfung hatten, und teilte uns mit wie entsetzt er war, von angehenden Rettungsassistenten so eine schlechte Reanimation gezeigt zu bekommen.
Sehr geil auch, als er uns dann grinsend mitteilte, dass der Patient zu Anfang noch einen Druck von 120 mmHg sys  gehabt hätte und wir mit einer Nitrogabe verhindert hätten, dass er reanimationspflichtig wurde. Danke!

Wir waren aber nicht seine einzigen Opfer, auch die anderen Teams aus unserer Gruppe und aus den anderen Gruppen wurden von diesem Dozenten gnadenlos zum Volldepp gemacht.

Total daneben, sowas vier Tage vor der Prüfung zu bringen.
Das Megacodetraining sollte eine realisische Prüfungssituation sein, und nicht unseren allerschlimmsten Albtraum simulieren.
War natürlich klar, dass unser kompletter Kurs danach völlig demotiviert war und wir an den nächsten Tagen von unserem normalen Megacodedozenten erstmal wieder aufgepäppelt werden mussten.

Kommentare»

1. DelfinStern - 11/10/2010

Der Typ ist ja mal total fies. Gibts leider überall 😦
Aber du hast es in der Prüfung ja geschafft, nur das zählt dann 🙂

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2. delfinstern - 11/10/2010

Hm irgendwie is da was abhanden gekommen….
vor der Prüfung habt ihr dafür sicher 20mal den Koffer geprüft, ob alles auch vorhanden und funktionsfähig ist. Vllt war das die Intension des Herrn? *duck*

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Hermione - 11/10/2010

Hm, ich glaub, der wollte einfach nur seine Macht demonstrieren. *schulternzuck*

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3. Sportstudent - 11/10/2010

*kopfschüttel*

Ohne Worte so ein Verhalten, kenne mich mit MegaCode leider so gar nicht aus, aber eig gibt es die goldene Grundregel unter den „Simulanten“ es stirbt kein Patient! Ausser es soll explizit geübt werden Maßnahmen abzubrechen.

Die weiteren „Steine“ die Euch/Dir in den Weg gelegt worden sind, will ich gar nicht kommentieren.

Jetzt ist es ja überstanden, wobei der Dozent vermutlich weiter seine Spielchen treibt

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Hermione - 11/10/2010

Das hoffe ich nicht, denn unser Kurs hat sich geschlossen bei der Schulleitung darüber beschwert…
Und ich glaube, unser „normaler“ Megacode-Dozent wird auch ein Hühnchen mit ihm gerupft haben. 😀

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4. NK - 11/10/2010

Das sind mir die liebsten. Die Leute erst anlügen und dann fertig machen, weil sie die Lüge geglaubt haben.

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Hermione - 11/10/2010

Ja, vor allem hatten wir ja keine Wahl, er hat uns ja gesagt, wir sollen den Koffer nicht checken…

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5. Der Krangewarefahrer - 11/10/2010

Hm, hast du zufällig in der selben Schule wie ich Deinen RA gemacht? Kommt mir alles recht bekannt vor *lach*
Das Praxistraining während der ganzen Ausbildung und besonders vor der Prüfung bestand primär aus Megacode, andere Fallbeispiele (vor allem neurologische und chirurgische) wurden aus Zeit- oder Dozentenmangelgründen kaum geübt. Und natürlich gabs dann in der Prüfung eine Schussverletzung, die wir wirklich nie geübt hatten.
Zusätzlich hatte die Megacode-Puppe einen Puls, obwohl sie laut Prüfer keinen haben sollte, lies sich nicht beatmen, obwohl das angeblich gehen sollte,…
Naja, irgendwie ist es zum Glück gut gegangen, aber man kommt sich schon ziemlich veräppelt vor.

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Hermione - 11/10/2010

Hm, also andere Fallbeispiele haben wir auch sehr ausführlich geübt, so ist das nicht. Ich hab mich schon gut vorbereitet gefühlt.
Aber das Problem mit dem ausversehen vorhandenen Puls in der Prüfung hatten wir auch. 😀 Danach haben wir bei allem, was wir festgestellt haben, nachgefragt ob es wirklich so sein soll (der Prüfer hat’s aber mit Humor genommen). 😆

Es war nur der eine Dozent, der sich so blöd verhalten hat, die anderen waren echt toll und haben uns gut auf alles vorbereitet. 🙂

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6. Lele - 11/10/2010

Super. Sowas liebt man doch. -.-
Der hat’s auch verdient, Ärger zu bekommen.
Ehrlich gesagt, auch wenn man’s nicht machen sollte, ich hätte dem gesagt, dass er dran Schuld ist, dass das alles nicht wirklich funktioniert hat. 😉

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Hermione - 11/10/2010

Ich war auch kurz davor, das ganze Zeug auf den Boden zu schmeißen und aufzuhören. Hatte ja eh von Anfang an keinen Sinn.

Aber das wirkliche Highlight dieses Unterrichtsblocks war noch, dass er uns am Ende noch viel Glück (ja, Glück, nicht Erfolg!) für die Prüfung gewünscht hat. 😆

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7. INTensivling - 13/10/2010

Hättest ihm mal den Handgriff des Laryngoskops an den Kopf geworfen, dann hättet ihr unter realistischeren Bedingungen üben, aber genauso beschissen therapieren können.

„Uuuups, das tuuuut mir aber leid – achherrje, Verbandsmaterial ist auch nicht auf dem Koffer? Was für ein Pech…“

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Hermione - 13/10/2010

😆

Verdient hätte er’s! 😀

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