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Fehlinformiert? 02/11/2010

Posted by Hermione in Ferienlager, misc, WTF.
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Einer der skurrilsten Momente im Ferienlager…

Wir haben von jedem Kind eine sehr ausführliche Elterninformation vorliegen, in denen Vorerkrankungen, Allergien, Medikamente, Telefonnummer vom Haus- bzw Kinderarzt usw. drinstehen.
Also wirklich sehr ausführlich.

Weil ich meinen Job dort ernstgenommen habe und keine unangenehmen Überraschungen erleben wollte, hab ich mir an jedem Anreisetag die Mühe gemacht, sämtliche Elterninformationen nach Krankheiten und Allergien durchzuarbeiten, die Medikamente mit dem Namen des jeweiligen Kindes zu versehen (danke, liebe Eltern, dass ihr nicht selber auf diese Idee kommt!) und die Krankenkassenkarten zu sortieren.
Bei teilweise mehr als 300 Kindern pro Woche ein durchaus zeitintensives Unterfangen. *g*

Es gab eigentlich jede Woche ein paar ’spannende‘ Kinder, mit denen ich mich dann noch am ersten oder spätestens am zweiten Tag im Sanizelt zusammengesetzt hab um mit ihnen zu reden und rauszufinden, wie gut sie mit ihrer Krankheit zurechtkommen, ob sie Medikamente dabeihaben, die nicht von den Eltern abgegeben wurden usw.

Tja, und wenn dann in einem Elterninformationsschreiben unter ‚Krankheiten‘ drinsteht Herzfehler (Long QT-Syndrom), dann ist dieses Kind eindeutig ein Kandidat für ‚Ich treff mich mal mit Kind und Betreuer im Sanizelt‘. Meine Chefin hielt das auch für eine ganz hervorragende Idee, und nachdem wir beide ein wenig über diese Elterninformation geschimpft haben (weil wirklich nur das drinstand, und keine weiteren Angaben ob das Kind Medikamente dabei hat oder sonstwas), hab ich mir den Namen der Betreuerin rausgesucht, Namen des Kindes auf nen Zettel geschrieben und mich auf den Weg gemacht, um mit ihr einen Termin zum ‚mal nachfragen‘ zu machen.

Gesagt, getan. Noch am selben Abend trafen wir drei uns in meinem Sanizelt und verteilten uns zum gemütlichen Sitzkreis auf die Feldbetten.
Weil ich ja nicht so der Typ bin, der mit der Tür ins Haus fällt, hab ich mich erstmal nett vorgestellt und überprüft, ob wir das richtige Kind im Zelt hatten („Hi, ich bin die Hermione, und ich bin hier im Camp eure Sanitäterin – Du bist der [Name des Kindes]?“), das Kind erstmal smalltalkmäßig über seine Anreise befragt und wie es ihm bis jetzt bei uns gefällt, um dann langsam auf das eigentliche Thema überzuleiten.

Hermione: „Ich wollte Dich mal fragen, wie’s Dir gesundheitlich so geht.“
Kind: „Gut.“
Hermione: „Du hast da ja eine Krankheit…“
Kind: „Ach, Du fragst wegen meiner Katzenallergie?“
[Betreuerin und ich gucken uns an.]
Hermione: „Deine Katzenallergie??“
Kind: „Ja, aber die ist nicht so schlimm.“
[Ich werf schnell nen Blick auf den Zettel mit dem Namen des Kindes.]
Hermione: „Dann ist ja gut… Hier sind ja auch keine Katzen. Und von Deiner Katzenallergie mal abgesehen?“
Kind: „Sonst hab ich nichts, nur die Allergie.“
[Betreuerin und ich wechseln einen irritierten Blick]
Hermione (zur Betreuerin): „Haben wir das falsche Kind?“
Kind: „Das glaub ich auch – ich hab nur ne Katzenallergie, sonst nix!“
Hermione: „Wie war nochmal Dein Name?“
Kind: „[Name des Kindes]“
Hermione: „Okay, danke. Du kannst dann wieder zu Deiner Gruppe zurück!“

Nachdem das Kind dann zu seinen neuen Freunden gerannt ist, haben die Betreuerin uns noch eine Weile sehr verwirrt angesehen. Das war ja durchaus ein seltsames Gespräch. Wir hatten beide den Verdacht, dass das Kind womöglich gar nichts von seinem Herzfehler wusste (was bei nem Elfjährigen schon … weniger gut wäre), und haben vereinbart, dass sie dem Jungen irgendwie weismachen soll, dass ich mich wirklich nur nach seinen Allergien erkundigen wollte, während ich zurück zum Büro getapert bin, um nochmal die Elterninformation rauszusuchen und mit meiner Chefin über das merkwürdige Gespräch zu reden.

Wir hatten tatsächlich das richtige Kind im Zelt…
Chefin teilte meine Einschätzung, dass das Kind vielleicht gar nicht Bescheid wusste, und rief kurzerhand die Mutter an. Knapp die Situation geschildert („Unsere Sanitäterin hat in der Elterninformation von dem Herzfehler ihres Sohnes gelesen und wollte sich gerade mit ihm darüber unterhalten, aber er schien gar nicht zu wissen, worum es geht?“), zugehört, mir nen irritierten Blick zugeworfen, weiter zugehört, von mir gewünschte Informationen erfragt, kurz geplaudert und gelacht, aufgelegt.

Der Junge wüsste sehr wohl über seinen Herzfehler bescheid, die Mutter versteht selber nicht so ganz, warum er das nicht erwähnt hat. Allerdings hätte sie nicht erwartet, dass wir ‚da so hinterher sind‘ und uns mit den Kindern zusammensetzen, um zu erfahren wie sie mit ihren Krankheiten klarkommen. Eigentlich hätte sie nicht mal erwartet, dass wir die Elterninformationen lesen.

Ähm. Dafür werden die Dinger doch ausgefüllt, damit wir Bescheid wissen.

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Kommentare»

1. lelesblog - 02/11/2010

Das ist doch mal eine klasse Situation.
Ich hätte ja jetzt eher darauf getippt, dass das Kind gar nichts von der Krankheit weiß, um es zu beschützen…
Soll ja öfter vorkommen. 😦

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Hermione - 02/11/2010

Davon sind wir auch ausgegangen, aber er wusste tatsächlich davon, hatte nur aus irgendeinem Grund keine Lust, darüber zu reden…

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ämpee - 02/11/2010

Ich dachte zuerst auch, dass das Kind nichts wüsste und habe dann echt gehofft, dass er es weiss…
Naja, dann ist ja nochmals alles gut gegangen, und die Betreuerin ist ja dieses Mal gut 🙂 *lach*

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Hermione - 02/11/2010

Ja, das war echt eine der geistig fitten Betreuer. 😀

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2. retterweblog.de - 02/11/2010

Ob das Kind wirklich davon wusste…? 😉

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Hermione - 02/11/2010

Ja, ich habe danach nochmal mit ihm gesprochen.

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retterweblog.de - 02/11/2010

Okay… Dachte eher an „Mami will es Sohn nicht sagen, aber auch nicht zugeben, dass er es nicht weiss“

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3. Stefan - 02/11/2010

„Die 5-Jahressterblickeit des angeborenen LQTS beträgt ohn ICD 50 %“

Mh, könnte für Sanis durchaus interessant sein, wenn der Kleine plötzlich synkopiert oder nen Stillstand bekommt.

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Hermione - 02/11/2010

Jopp, dachte ich mir auch… Hab in der abendlichen Teamsitzung auch mal ganz frech in die Runde gefragt, wie fit die Anwesenden so im Reanimieren sind.
Blankes Entsetzen war das Resultat. 😆

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arzt4empfaenger - 28/11/2010

Hehe, aber ist doch eine gerechtfertigte Frage! ;D

Wer weiß, vielleicht hatte der Kleine eine Zeit, in der zu viel auf der Krankheit herumgeritten wurde, so daß er tatsächlich keine Lust darauf hatte. Finde ich auf jeden Fall gut, daß Ihr da so gründlich seid! Thumbs up!

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4. anna - 02/11/2010

sehr seltsam. echt.

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5. michaeleriksson - 03/11/2010

„Eigentlich hätte sie nicht mal erwartet, dass wir die Elterninformationen lesen.

Ähm. Dafür werden die Dinger doch ausgefüllt, damit wir Bescheid wissen.“

Leider ist es tatsächlich so, dass viele Dinger nur als Formsache gemacht werden, oder aber „von Oben“ vorgeschrieben werden, um nachher von den tatsächlichen Mitarbeitern vernachlässigt zu werden. (Wofür es durchaus auch gute Gründe geben kann—es muss nicht Faulheit sein.)

Vielleicht hat die Mutter basierend auf Erfahrungen eine plausible Einschätzung gemacht? Wie Du selbst schreibst „Bei teilweise mehr als 300 Kindern pro Woche ein durchaus zeitintensives Unterfangen.“: Hier würden Viele den leichteren Weg nehmen—vorallem falls sie hundert andere Sachen zu tun hätten.

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Hermione - 03/11/2010

Ja, aber ich arbeite schon einige Jahre für diesen Reiseanbieter, und weiß, dass die Elterninformationen immer von der Chefreiseleitung gelesen und wichtige Informationen an die jeweiligen Betreuer weitergeleitet werden.
Allein schon für die Küche ist es wichtig zu wissen, ob bei irgendwelchen Kindern Allergien vorliegen.
Wir waren drei Wochen lang eine absolute Erdnusssperrzone, weil wir hochallergische Kinder hatten…

Also, ja, ich kann mir gut vorstellen, dass die Dinger bei billigeren Reiseunternehmen nicht gelesen werden. Bei uns ist das aber nicht der Fall. 🙂

Ich hätte mich allerdings auch in die Hängematte legen und diese Arbeit den Chefreiseleiterinnen überlassen können, nur ist das einfach nicht meine Art. 😀

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