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Affenhirn. 29/04/2011

Posted by Hermione in Bücher, misc.
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Keine Ahnung, warum meine Gedanken sich heute schon den ganzen Tag um dieses Thema drehen. Ich fühle mich ein bisschen wie ein ins Abdomen eines anderen Rhesusäffchens transplantierte Gehirn, das nur noch denken und erinnern kann und langsam aber sicher den Verstand verliert.

Okay, der Vergleich war gemein. *schuldbewusst grins*

Aber im Ernst, ich kann mich heute nicht von dieser Horrorvorstellung lösen und je länger ich darüber nachdenke und versuche, mich in diese Situation hineinzuversetzen, desto grauenhafter und schrecklicher finde ich diesen Gedanken.

Zur Erklärung:

Im Kapitel „Just a head“ des Buches „Stiff: The Curious Lives of Human Cadavers“ schreibt die Autorin Mary Roach über diverse Versuche, einen vom Körper abgetrennten Kopf am Leben zu erhalten. Den Teil über die Experimente mit guillotinierten Sträflingen fand ich schon echt krass – vor allem die Erkenntnis, dass die Enthaupteten teilweise noch acht Sekunden lang auf laute Ansprache mit Augenöffnen reagierten und den Sprechenden fixierten … Horror!

Aber was dann über die Experimente berichtet wurde, die der Neurochirurg Robert White mitte der 1960er Jahre in Cleveland an Hunden und Rhesusäffchen durchführte, hat sich so dermaßen in mein Hirn (haha!) gebrannt, dass ich seitdem ständig darüber nachgrübeln muss.

Here is where it begins to get strange.

Ehrlich gesagt war alles davor bereits strange, aber ab diesem Satz wurde es wirklich strange!

White began experimenting with „isolated brain preparations“: a living brain taken out of one animal, hooked up to another animal’s circulatory system, and kept alive.

Lassen wir das doch erstmal sacken. Er pflanzte das lebende Gehirn eines Tieres in ein anderes Tier; am Leben gehalten durch dessen Blutkreislauf. Aber ohne jegliche Sinnesorgane:

These brains, lacking faces and sensory organs, would live a life confined to memory and thought.

HORROR!

White figured out that by cooling the brain during the procedure to slow down the processes by which cellular damage occurs – a technique used today in organ recovery and transplant operations – it was possible to retain most of the organ’s normal functions.

Das klingt ja soweit ganz nett (und ist ohne Zweifel eine tolle Entdeckung gewesen – wenn ich mal so an die neuroprotektive Wirkung des Coolings in der Postreanimationsphase denke!), aber lesen wir doch weiter:

Which means that the personality – the psyche, the spirit, the soul – of those monkeys continued to exist, for days on end, without its body or any of its senses, inside another animal.

Und jetzt kommen wir zu der Frage, die mich nicht mehr loslässt:

What must that have been like?

Ich bin ehrlich, ich kann es mir nicht vorstellen. Und jedes Mal, wenn ich versuche, mich in die Lage des isolierten Gehirns zu versetzen, wird mir schlecht vor Angst bewusst, wie groß der Anteil meiner Sinneseindrücke an meinem Leben ist.

Es ist geradezu lächerlich, sich vorstellen zu wollen, nur ein Gehirn im Bauch eines anderen Wesens zu sein. Zu existieren, ohne irgendwas aus der Umwelt wahrnehmen zu können – nichts zu sehen, zu hören, zu riechen, zu schmecken, zu fühlen.
Eine Existenz, die nur noch aus Gedanken und Erinnerungen besteht. Keine neuen Erfahrungen mehr machen zu können, kein Zeitgefühl zu haben, nicht zu wissen, wo man ist und wieso, nicht um Hilfe rufen zu können …

Horror.

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Kommentare»

1. retterweblog - 29/04/2011

Zitat eines Notarztes mit zwei Dr-Titeln (Medizin und Biologie):

„Erst habe ich Medizin studiert. Dann war ich Arzt, aber das war mir zu langweilig. Also noch Biologie hinterher. Das ist anspruchsvoll. Oder hast Du schonmal ein Gehirn drei Monate an der Maschine am Leben erhalten?“.

Also genau das gleiche im Labor und in Deutschland…

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2. Federkiel - 29/04/2011

Wenn ich keine Sinne habe, dann weiß ich auch nicht, dass ich in einem anderen Körper bin. Es gibt ja nichts, das meinem Hirn das mitteilen könnte, dass es nicht mehr da ist, wo es hingehört. Es wäre vielleicht wie schlafen und träumen, da bildet man sich ja auch Sinneseindrücke ein, obwohl man nur im Bette liegt.

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Hermione - 30/04/2011

Stimmt, das ist ein guter Ansatz. 😀
Aber es gab ja auch Experimente mit völlig abgeschirmten Menschen, die dann nach wenigen Tagen den Verstand verloren haben.. Davon wird ein paar Seiten später berichtet, vielleicht tipp ich da auch noch ein paar Zitate ab. 🙂

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3. NK - 29/04/2011

In den Vorlesungen zu Neurobionischen Systemen oÄ wurde uns, allerdings ohne Quelle, gesagt, dass ein Geist ohne Sinne nicht lebensfähig ist bzw. psychisch zugrunde geht.

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Hermione - 30/04/2011

Ja, ich kann mir auch gut vorstellen, dass man daran zugrunde geht und nicht mehr lange fit im Kopf (respektive im Bauch) bleibt, aber die Zeit bis der Vorhang fällt muss furchtbar sein…

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4. RDPfleger - 30/04/2011

Interessante Überlegung… sowas sollte man nur keinem Neurochirurgen erzählen dem Langweilig ist 😉

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Hermione - 30/04/2011

Das könnte in einem noch gemeineren Streich enden als Lasix im Kaffee! 😀

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5. Frollein Ronja - 01/05/2011

Klingt… gruselig. Erinnert mich aber auch ein bisschen an diese Tankexperimente, wo Leute in Körperwarmes Wasser gebettet wurden und nahezu keine Sinneseindrücke mehr hatten. Das gab natürlich Halluzinationen ohne Ende… Vielleicht ist die Welt die man dann halluziniert, ja eigentlich ganz lustig?

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Hermione - 02/05/2011

Kann man das zuhause in der Badewanne nachmachen? 😆

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NK - 02/05/2011

Ich bin mal im Sommer, ohne den Hintergedanken allerdings, auf dem Rücken auf einem See in einem Waldstück langsam herum geschwommen, habe dabei den Kopf in den Nacken gelegt, sodass nichts im gesamten Gesichtsfeld das vollkommene Blau des Himmels störte und die Ohren unter Wasser waren.

Das war schon echt seltsam. Alles was man sieht ist Blau und ohne Kontur, die Perspektive ist völlig ungewohnt, die Ruhe der Abgeschiedenheit wird unter Wasser noch stiller, die Temperatur war weder merklich hoch noch niedrig, Wind ging keiner, durch das Wasser schwebt man quasi – was man aber nicht sieht, nur spürt.
Es war wirklich seltsam und mein Hirn konnte mit dieser außergewöhnlichen Abwesenheit von Sinneseindrücken nicht wirklich etwas anfangen. Wahrscheinlich kann man so tatsächlich wegtreten. Wollte ich aber nicht ausprobieren, weil das in einem See doch eher unpraktisch ist.

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6. Frollein Ronja - 16/05/2011

Also in einem See würd ich das auch nicht ausprobieren wollen… Naja. ICh denke schon dass man das in der Badewanne nachmachen kann. Ich war einmal in einer Ausstellung mit Installationen, der diese Idee aufgegriffen hat, hat in einem schalldichten Raum in absoluter Dunkelheit ein Wasserbett reingestellt und wenn man sich da draufgelegt hat musste man warten… Irgendwann hat man echt komische Sachen gesehen… Lichter und sowas..
Also Ohropax kaufen, Licht aus und ab in die Badewanne 🙂

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