jump to navigation

Dreist 2 04/02/2013

Posted by Hermione in Rettungsdienst, so bitte nicht.
Tags:
trackback

Mitten in der Nacht. Halb drei, um genau zu sein. Wann sonst. Das Weltrettungsteam schlummert bereits seit fünfzehn Minuten friedlich.

Es kommt, wie es kommen muss. Der Melder schrillt, das Licht geht an, und meine Kollegin und ich suchen verpeilt nach unseren Kleidungsstücken.
Geweckt wurden wir für etwas besonders dringendes, nämlich eine Einweisung zur Urologie. KTW-Tour. Yayyyy.

Immer noch verpeilt tapsen wir zum RTW, versuchen dabei, durch keine noch geschlossene Tür zu laufen oder die Treppe kopfüber zu passieren.

Am Einsatzort (haha) angekommen, erleben wir die nächste freudige Überraschung. Drittes Stockwerk, kein Aufzug, Altbau mit enger Wendeltreppe.
Unsere Mutmaßungen bezüglich des zu erwartenden Körpergewichts und der Gehfähigkeit des Patienten sind übereinstimmend.

Empfangen werden wir vom (erwachsenen) Sohn des Patienten mit den Worten „Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich gesagt dass die keine Frauen schicken sollen.“ WTF?

Kollegin guckt nur fassungslos, ich erkläre freundlich lächelnd, dass wir heute Nacht die Rettungswagenbesatzung sind und er deswegen eh keine freie Auswahl gehabt hätte. Nachts haben wir keinen KTW.

Auf auf zur Patientin. Alte, alte Frau (nicht gehfähig, aber maximal 50kg, yeah!), nicht wirklich kommunikationsfähig. Also an den Sohn gewandt.
Die Frau Mama muss in die Urologie. Jetzt sofort. Nein, der ärztliche Notdienst war nicht da. Der hat ja auch beim letzten Mal nur nen Krankenwagen gerufen und nix selbst gemacht, da kann man das ja direkt abkürzen. Na danke. Transportschein gibts deswegen auch nicht. Tja, sein Problem.

Während meine Kollegin die Wendeltreppe runterstürztläuft, um das Tragestühlchen zu holen, hol ich ein paar weitere Informationen zum Grund unseres nächtlichen Besuchs ein. Seine Mutter kann seit Tagen kein Wasser lassen, obwohl sie mehr als genug trinkt.

Mutter auf das Stühlchen gesetzt, bis zur Treppe geschoben, zum Tragen angesetzt … da kommt der nächste Knallerkommentar des Sohnes: „Wenn ihr sie fallen lasst, habt ihr ein mächtiges Problem mit mir!“.
Mutter wieder abgesetzt, blöd geguckt. Meine Kollegin findet als erstes die richtigen Worte: „Möchten Sie tragen?“ Will er nicht. „Dann lassen Sie uns bitte unsere Arbeit machen.“

Weil die Mutter halt nicht kommunikationsfähig ist, setzen wir den Sohn schweren Herzens zu mir nach hinten in den RTW. Normalerweise fahren Angehörige, wenn wir welche mitnehmen, auf dem Beifahrersitz mit.

Die Fahrt zum Zielkrankenhaus dauert etwa zwanzig Minuten. Genug Zeit, sich ein bisschen vom Sohn zulabern zu lassen.
Wie unfähig die Ärzte, die seine Mutter behandeln, doch sind. Ihre Blasenprobleme würden ja nie in den Griff bekommen. Nachgefragt, was denn bis jetzt versucht wurde.
„Wassertabletten“ hätte sie bekommen, aber sie ist ja so ein kleines Persönchen, da hat der Sohn die Tabletten eigenmächtig wieder abgesetzt. Ohne das dem behandelnden Arzt mitzuteilen. Ich rate dem Sohn, das dringend nachzuholen und in Zukunft nicht ohne Rücksprache irgendwas an der Medikation zu ändern.
Frage noch mal nach, ob sie denn erst seitdem er die Tabletten abgesetzt hat, kein Wasser mehr lassen kann.
Erfahre, dass sie durchaus noch Wasser lässt. Aber immer nur ein bisschen.
Nochmal nachgefragt. Geschätzt sind es durchaus die zwei Liter, die sie am Tag trinkt. Aber halt nicht auf einmal, sondern über den Tag (und über die Nacht) verteilt, und das ist ja so unpraktisch, weil sie ja nicht alleine aufstehen kann. Deswegen soll sie ja jetzt nen Katheter bekommen.

Hermione sprachlos.

Sohn redet weiter. Ihre Blasenentzündung wird ja auch einfach nicht besser, und das Antibiotikum bringt ja auch gar nichts, es ist nämlich immer noch so schlimm wie vorher.

Hermione findet ihre Sprache wieder, fragt nach wie lang sie denn das Antibiotikum schon nimmt. Seit gestern. Hermione widersteht dem Drang, dem Sohn mit der Metallkladde eins überzubraten.

Hälfte der Fahrt geschafft. Es ist kurz nach drei Uhr nachts. Entschließe mich spontan, über etwas unverfängliches zu reden, um meinen Zorn abzukühlen.
Frage freundlich nach, wie alt die Mutter denn jetzt ist, und kommentiere die Antwort (dreistellig!) mit einem ehrlich gemeinten „Wow, das ist aber ein stolzes Alter!“. Wütende und laute Antwort des Sohnes: „Das bedeutet jetzt aber nicht, dass ihr sie jetzt umbringen könnt, nur weil sie ihre Lebenserwartung bereits erfüllt hat!“. Ich wehre ab, erkläre, dass ich das ja gar nicht so gemeint hab. Überlege angestrengt, wie man in meine Wortwahl so etwas hineininterpretieren könnte. Entscheide mich, den Rest der Fahrt (acht Minuten) damit zu verbringen, die Mutter anzulächeln. Mutter lächelt acht Minuten lang zurück. Acht Minuten können verdammt lang sein.

Im Krankenhaus angekommen, bringe ich die Patientin und ihren liebenswerten Sprössling in den Behandlungsraum, meine Kollegin wartet auf den Arzt, der uns ne Bescheinigung ausstellen soll.

Im Behandlungsraum werd ich dann noch angezickt, dass ich der Mutter doch bitte etwas sanfter auf die Liege helfen soll. Sohn steht daneben und hilft nicht mit. Und ein Kissen wäre ja auch toll. Ich lächel nur und sag, dass das gleich die Schwester machen wird. Arme Schwester.

Meine Kollegin macht dem Arzt gerade ne Übergabe. Ich schüttel den Kopf und korrigier die Übergabe mit den Informationen, die ich während der Fahrt gesammelt habe. Kollegin und Arzt sind sprachlos.

Für sowas wird ein Rettungsmittel anderthalb Stunden gebunden. Mitten in der Nacht, wenn es nur diesen einen RTW im Stadtgebiet gibt. Wenn jemand einen Herzinfarkt bekommt, während wir mit einer absolut nicht zu rechtfertigenden Tour unterwegs in die Nachbarstadt sind, muss ein Rettungswagen aus der Nachbarstadt zu uns reisen, um den Patienten zu versorgen und mitzunehmen. Da wartet man dann natürlich auch länger. Und die Minuten können verdammt lang sein, während man hilflos auf einen Rettungswagen wartet, das weiß ich aus eigener Erfahrung.

Was sagt ihr dazu?

Advertisements

Kommentare»

1. Herr Bierbart (@TheMaRv1) - 04/02/2013

Also das ist doch eine Fehleinschätzung der Leitstelle… dafür würde bei uns kein RTW gebunden werden. Sondern dann würde der KNA losrollen, eine Einweisung für den nächsten Tag schreiben und gut.
Wobei ich den Sohn auch nicht mitgenommen hätte. Ich hätte mir ein Bild von der Sache gemacht, ordentlich Protokoll geschrieben und den „netten“ Herren daheim gelassen. Mit der Anweisung in einer Stunde im KH anzurufen. So kann er nämlich auch keinen Einfluss auf den Doktor nehmen und Druck ausüben. Wobei ich aber sagen muss, dass es bei uns eh untersagt ist Leute im RTW mitzunehmen.
Ausnahmen gibt es nur bei Kindern und entmündigten Personen.

Gefällt mir

Hermione - 04/02/2013

Bei uns (und auch in der Stadt, in der ich davor im Praktikum gerettet habe) ist es so, dass die KTW-Touren nachts vom RTW gefahren werden. Da unser Krankenhaus keine Urologie hat, sind Fahrten deswegen ins Krankenhaus der Nachbarstadt tatsächlich keine Seltenheit.
Der Sohn hat uns am Anfang zuhause ja dreist ins Gesicht gelogen, und der Leitstelle anscheinend ja auch. Hätten wir ihn nicht mitgenommen, wären uns ja einige im Nachhinein betrachtet wertvolle Informationen durch die Lappen gegangen.
Wer weiß, ob er dem Arzt das alles auch erzählt hätte. Die arme Mutter. Ist halt „unpraktisch“, wenn sie so oft mal muss und er dafür aufstehen und helfen muss.

Gefällt mir

Herr Bierbart (@TheMaRv1) - 04/02/2013

Das ist bei uns auch so. Also das mit dem KTW zur Nacht. Sogar die nächste Uro ist bei uns so 20km entfernt. Nur hätte unsere Leitstelle nie einen RTW zu einem Harnverhalt geschickt. Sonder immer zurerst den KNA.
Bei uns ist es so, dass wir den Sohn garnicht hätten mitnehmen dürfen. Versicherungsrechtliche Sache.

Gefällt 1 Person

Hermione - 04/02/2013

Dürfen wir offiziell auch nicht, aber manchmal entscheiden wir uns doch dafür. Bauchgefühl.
Möglich, dass der Typ der Leitstelle erzählt hat, dass der Doc schon da war. Ich würde es ihm zutrauen.

Gefällt mir

Herr Bierbart (@TheMaRv1) - 04/02/2013

Naja, da haben wir ja wieder einen Vorteil. Bei uns wird der KNA auch über die Leitstelle gemanagt. Die wüssten sofort ob der KNA schon dagewesen ist oder nicht. 🙂

Gefällt mir

2. BRC_MEDIC - 04/02/2013

Der Typ hat irgendwo einen gewaltigen Schaden. Das kann man anders nicht mehr sagen. Mit dem Stuhl haben wir meist den Satz vorgelegt „Bisher haben wir noch keinen fallen lassen, aber irgendwann ist das erste mal“. Selbst bei Patienten in Schmerzen und Angehoerigen in Panik haben wir noch ein Laecheln und Ruhe geerntet. Aber sowas ist unter aller Kanone.

Ich hoffe dem PAT geht es besser und „Sohn“ hat mal nen Pyschiater konsultiert. Leider gibt es solche Leute und man muss sich zurueckhalten denen nicht passend die Meinung zu geigen – in jedweder Form :-/

Mir fehlen immer noch die Worte … das ist mehr als dreist.

Gefällt mir

Hermione - 04/02/2013

Ja, so Stühlchensprüche haben wir auch. Besonders beliebt ist „Wir lassen nur jeden dritten Patienten fallen, zwei haben es heute schon unbeschadet nach unten geschafft.“ 😆
Da hätten wir das aber auf keinen Fall bringen können. Der Typ war ordentlich auf Krawall gebürstet. (Hätte man so vom ersten Eindruck her auch nicht erwartet, weil es eine eher gute Wohngegend war und die Wohnung wie auch ihre beiden Bewohner nen gepflegten und adretten äußeren Eindruck gemacht haben)

Gefällt mir

Flo - 05/02/2013

Böse der Spruch. Kannte bisher nur die Variante „… sie haben aber Glück und sind Nummer vier heute.“

Gefällt mir

3. alltagimrettungsdienstalltagimrettung - 04/02/2013

Hier in CH würde wegen sowas keine Ambulanz auf Platz geschickt werden. Denn wer nur 500 FR im Jahr für eine Fahrt von der KK zu bezahlt bekommt, überlegt sich schnell, ob er selbst 1000 bis 2000 Franken bezahlt. Zum Glück muss ich mir diesen Affenzirkus nicht mehr antun.

Gefällt mir

Hermione - 04/02/2013

Der Kerl bezahlt die Fahrt auch selbst. Und zwar als RTW-Einsatz, nicht als KTW-Tour. Wäre ja noch schöner.

Es ist wirklich lachhaft. Dafür hätte auch ein Taxi oder der private PKW gereicht. Irgenwie wird er die Mutter sonst ja auch die Treppe runterkriegen, er hat mir nämlich auch noch erzählt dass sie jeden Tag spazieren gehen.

Gefällt mir

4. Sternenzauber13 - 05/02/2013

Sternenzauber13 auch sprachlos…
Was zum … hat der sich dabei gedacht?
Der kann doch garnicht gedacht haben.

Gefällt 1 Person

5. Nobelix - 05/02/2013

Taj, da gibt es nur eines: den Sohn die Fahrt selber bezahlen lassen…inklusive aller Zulagen, die man eventuell anwenden kann 😉

Schade, dass du ihm die Kladde nicht doch übergezogen hast. Hätte man ja durch das Schaukeln des Wagens „tarnen“ können 🙂 Gut, ich weiß, dass das nicht geht…aber ausmalen kann man es sich ja mal

Gefällt mir

6. blaulichtengel - 05/02/2013

Ich glaube ich hätte diesen Sohn die Meinung gesagt, auch nachts um 3 Uhr. Doch meistens bringt es einen nur Ärger und er hätte es sowieso nicht verstanden.

Leider gibt es immer mehr solche sinnlosen Einsätze mit sehr dreisten Patienten und Angehörigen. Immer gerne genommen ist bei uns auch die Schwäche der Besatzung und die Dauer des Wartens auf das Rettungsmittel. Bei uns manchmal auch ein Aufreger: Wohnungswechsel mit dem KTW, leider kann man hier keinen Auschlag für die Fahrt verlangen.
Ich habe auf meinen Blog mittlerweile schon von einigen solchen Einsätzen berichtet.
Hier findet man sie:
http://blaulichtengel.wordpress.com/2013/02/03/kurze-anektode-akzeptanz-von-frauenbesatzungen/
http://blaulichtengel.wordpress.com/2012/11/11/angehorige-wissen-immer-alles-besser/
http://blaulichtengel.wordpress.com/2013/01/16/wohnungswechsel/

Gefällt mir

7. gotsassaufeinemast - 05/02/2013

Ich bewundere dich, dass du dem Jockel nicht an den Hals gesprungen bist. Ich hätte es getan..Sowas hab ich ja noch nich erlebt. Will was von euch und macht da den großen Larry. Kann ja wohl nicht wahr sein.

Gefällt mir

8. Pharmama - 05/02/2013

Was mich an so etwas ärgert – oder besser ängstigt: Irgendwann braucht irgendjemand irgendwo dringend Hilfe (lies: rasch einen Rettungswagen) … und der ist dann unterwegs wegen so etwas wie oben.
Kleiner Trost, wenn er den Transport selber zahlen darf – dann macht er das hoffentlich nachher nicht mehr. Wäre zumindest einer weniger.

Gefällt mir

9. Josephine Chaos - 09/02/2013

Das sind Momente, in denen ich ANDEREN Menschen gerne mal meine Tischkante vor um die Ohren hauen würde…
Hut ab – ich wäre nicht annähernd so nett geblieben!

Gefällt mir

10. Der Apfel fällt manchmal so blöd vom Stamm, dass er den Retter erschlägt. | rescue blog - 26/08/2014

[…] ist ja noch gar nicht sooo lange her, dass ich von einem besonderen Schätzchen erzählt habe (Passwort: “Dreist”). Und solche Angehörige gibt es wie Sand am Meer, […]

Gefällt mir

11. lina - 26/08/2014

Wieso muss er den Einsatz selbst bezahlen? Übernimmt doch eigentlich die Krankenkasse, oder? Was hättet ihr eigentlich gemacht, wenn ein 100kg-Mann dort als Patient gewartet hätte?

Gefällt mir

Hermione - 26/08/2014

Es gab schlicht keine medizinische Notwendigkeit für den Einsatz. Man kann ja auch nicht einfach die Feuerwehr rufen, weil man zu faul ist seine Kerze selbst auszupusten. 😀

Bei Patienten, die so schwer sind dass man sie zu zweit nicht tragen kann (was auch bei gemischten oder rein männlichen Teams passiert 😉 ) ruft man sich halt Tragehilfe.

Gefällt mir

lina - 27/08/2014

Arbeitest du in Deutschland? Soviel ich weiß, übernimmt die Krankenkasse auch Fehleinsätze.

Gefällt mir

kolibrikind - 15/11/2014

Kommt jetzt hier wahrscheinlich eh zu spät, aber die KK übernimmt selbstverständlich nur Fehleinsätze, die „in gutem Willen“ passiert sind. Wenn also jemand nen RTW zu Omma Brömmelkamp schickt, weil er glaubt, dass sie Hilfe braucht, es dieser aber gut geht. Wenn man aber einen RTW/die Polizei/die Feuerwehr ruft, obwohl man genau weiß, dass es keine Indikation dafür gibt, dann muss man das auch selber zahlen. Könnte ja sonst jeder kommen!

Gefällt mir

12. Marc 'Zugschlus' Haber - 28/08/2014

Das gibt’s auch andersrum. Eine sehr nahe, schon etwas betagte Angehörige ist neulich mit einem gebrochenen Oberarm mit dem Taxi ins Krankenhaus gefahren weil sie keinen RTW rufen wollte.

Und ich habe etliche Jahre gebraucht um zu lernen, dass sie, wenn sie vom „Notarzt“ spricht, den privatärztlichen Bereitschaftsdienst meint, der in der Nacht auch gerne mal zwei Stunden braucht um vor Ort zu sein.

Aber leider beratungsresistent.

Gefällt mir


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: