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Unnötig 05/02/2013

Posted by Hermione in Rettungsdienst, so bitte nicht, WTF.
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Gestern früh im Wartezimmer (ja, auch Weltretter werden manchmal krank) hatte ich das große Vergnügen seltsame Verhaltensweisen und Gespräche mitzuerleben.

Um kurz abzuschweifen, bin ich eigentlich der einzige Mensch auf diesem Planeten, der es als absolut asozial empfindet, im vollbesetzten Wartezimmer auf dem Smartphone Videos zu gucken oder irgendwelche Spiele zu spielen – ohne Kopfhörer, aber mit lautem Ton? Sorry, das geht ja gar nicht. Scheinen andere aber offensichtlich anders zu sehen …

Das Gespräch, dem dieser Artikel hier gewidmet ist, wurde von zwei Patientinnen mittleren Alters geführt. Am Wochenende hat die eine wohl miterlebt, wie ein sturzbetrunkener, weiblicher Kneipengast einfach vom Inhaber in ein Taxi gesetzt und nach Hause geschickt wurde.

Die beiden Patientinnen fanden das unmöglich. Dafür hätte man doch den Notarzt rufen müssen. Wenn da mal was passiert. Das wäre ja so verantwortungslos.

Und ich sitz daneben und beiß mir mit aller Kraft auf die Zunge.

Nein, liebe Leute. Das war nicht verantwortungslos. Es kommt natürlich immer auf die genaue Situation an, aber ein betrunkener Mensch ist kein Grund, die 112 zu wählen.

Was sollen wir denn mit den Leuten machen? Ins Krankenhaus bringen? Und dann? Die werden dort doch entweder nach Hause geschickt (und haben dann das Problem, dass sie von dort irgendwie wieder wegkommen müssen) oder schlafen halt dort ihren Rausch aus. Das könnten sie aber genausogut auch zuhause tun.

Wenn jemand wirklich so betrunken ist, dass er Hilfe braucht, ist das natürlich etwas anderes. Aber 80% der Einsätze, die wir nachts am Wochenende fahren, sind einfach nur irgendwelche Leute, die einen übern Durst getrunken haben, vielleicht ein bisschen die Kneipe vollkotzen und nun bitte notfallmedizinische Zuwendung bekommen sollen.

Schon mal darüber nachgedacht, dass es in einer Stadt (auch in einer Großstadt) nicht unendlich viele Rettungsmittel gibt? In meiner Stadt gibt es nachts genau einen Rettungswagen und einen Notarzt. Wenn wir am Wochenende zwei, drei Einsätze wegen irgendwelcher Besoffskis, die einfach nur ein warmes Bett und viel Schlaf brauchen, fahren, sind wir zwei, drei Stunden gebunden.

Zwei, drei Stunden, in denen hoffentlich kein anderer Mensch wirklich Hilfe braucht. Denn dann muss erst ein Rettungswagen oder ein Notarzt aus einer der Nachbarstädte anreisen. Das dauert ein paar Minuten länger, als ein RTW oder NEF aus unserer Stadt.

Es zeugt von deutlich mehr Verantwortungsbewusstsein, solche Sorgenkinder dann von Angehörigen (Ehepartner? Eltern?) abholen zu lassen bzw sie, falls es Freunde sind, mit nach Hause zu nehmen und sie auf der Couch ihren Rausch ausschlafen zu lassen. Je nach Zustand würde ich sie auch ungern allein nach Hause laufen lassen, vor allem wenn der Weg ein wenig schwieriger ist und Hindernisse (Treppen, stark befahrene Straßen, Teiche, Seen, Flüsse) beinhaltet.
Der Rettungsdienst kann für Betrunkene nicht viel tun, das Krankenhaus und die Polizei übrigens auch nicht. Sowas bindet immer nur Einsatzkräfte, die anderswo vielleicht dringend gebraucht werden.

Und es sind nicht nur die Betrunkenen (bzw die besorgten Freunde und Anwesenden, die dann den Notruf wählen), die Rettungsmittel sinnlos binden.
Traurigerweise muss ich sagen, dass 80% der Einsätze, die ich in einer 24h-Schicht habe, kein Fall für den Rettungsdienst sind.

Die meisten Einsätze sind keine Notfälle. Ein Taxi oder ein Angehöriger mit PKW tut es in den meisten Fällen auch.

In meiner letzten Schicht wurden wir abends gegen 23 Uhr wegen Verstopfung gerufen. Verstopfung. Seit einer Woche. Sorry. Wenn ich nicht mehr sch***** kann und mir deswegen Sorgen mache (was ja durchaus berechtigt sein kann), dann geh ich an einem normalen Wochentag zu einer normalen Uhrzeit zu meinem Hausarzt. Dafür ruft man nicht den Rettungsdienst.

Einmal wurden wir zu einem Kindernotfall alarmiert, gestürztes Kind. Kindernotfälle sind auch für uns sehr belastend, vor allem im Vorfeld, wenn man nicht wirklich weiß, was einen erwartet. Die Alarmfahrt zum Kindernotfall ist wirklich keine angenehme Situation.
Und was hat uns erwartet? Das vierjährige Kind ist rücklinks von der Wippe gefallen. Von der stehenden Wippe. Also aus etwa 20 cm Höhe, maximal. Auf Mulch, also weicher Boden.
Keine Verletzungen am Hinterkopf, keine Hautabschürfungen, keine Beule, keine Bewusstlosigkeit, keine Übelkeit, kein Erbrechen, keine Pupillendifferenz. „Sie hat dann sofort angefangen zu schreien und zu weinen, und da haben wir uns Sorgen gemacht.“ Ja, ihr hättet sie auch in euer Auto packen und selbst ins Krankenhaus fahren können.

Ein besonders schöner Fall war „Ich kann nicht schlafen“ um zwei Uhr morgens. Ja, wir jetzt auch nicht mehr, danke. Der Patient wollte einfach nur jemanden zum Reden, hat uns auch Tee und Kekse angeboten. Ist ja ganz nett, aber vielleicht doch nicht ganz ein Fall für den Rettungsdienst.

Wie gesagt, ein durchschnittlicher Einsatz dauert etwa eine Stunde. Eine Stunde, in der wir für andere Notfälle nicht zur Verfügung stehen.

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Kommentare»

1. turtle of doom - 05/02/2013

Als ich letztes Jahr in der Notaufnahme war, musste ich eineinhalb Stunden warten, weil ein bierbäuchiger, lallender und aufgedunsener Mann vor mir behandelt wurde. Immer wenn er nicht gerade vom Personal befriedigt wurde, tappste er in der ganzen Notaufnahme herum, quatschte das Personal an und wollte wissen, wann es weitergeht… er hätte ja nicht soviel Zeit.

Als ich dann nach zwanzig Minuten drankam, sah ich im Notfall-Wartesaal einen weiteren Betrunkenen, der halb auf dem Stuhl sass und halb auf dem Boden lag… und seinen Rausch ausschlief.

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Hermione - 05/02/2013

Genau das ist auch so eine Sache… Betrunkene halten oft die komplette Notaufnahme auf Trab. Müssen ständig wieder eingefangen werden, pöbeln rum, randalieren teilweise sogar und greifen Personal und andere Patienten an.

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2. stellinchen - 05/02/2013

Kenn ich auch…
Außerdem gehe ich mal stark davon aus, dass Taxi Fahrer einen erste Hilfe Kurs gemacht haben
Die können sich ja dann immernoch melden, wenns kritisch wird.

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3. blaulichtengel - 05/02/2013

Ein sehr gut geschriebener Artikel, du spricht wahrscheinlich allen Rettungsdienstmitarbeitern aus der Seele.
Es wird immer mehr, dass die Leute den Rettungsdienst für irgendwelche sinnlosen Dinge rufen, entweder weil sie einfach ihre Angehörigen/Freunde/Gäste oder sonst wem nicht selbst betreuen möchten oder einfach in ein Krankenhaus fahren oder weil der Patient hochwichtig wegen Nichtigkeiten einen Rettungswagen benötigt,
Dabei machen sich die Menschen jedoch keine Gedanken, dass wir der Rettungsdienst sind und der folgende Einsatz jedoch mit „Rettung“ nichts mehr zu tun hat.
Zum Thema Betrunkene fallen mir spontan zwei Einsätze ein: einmal eine Famillie, bei der die Eltern zu viel getrunken hatten (zuhause) und nun von uns ein Mittel gegen den Alkohol wollten, damit sie wieder nüchtern sind und auf ihre Kinder aufpassen können. Der Sohn hat sich damals sehr für seine Elten geschämt.
Hier zum Nachlesen: http://blaulichtengel.wordpress.com/2012/08/20/wenn-die-eltern-schon-so-ein-super-vorbild-sind/
Zum anderen ein Mann, der sich in den Finger geschnitten hatte (kleine Schnittwunde, leider zum Nähen) und nun mit „staker Blutung“ einen Rettungswagen mit Sondersignal bedurfte. Ein Taxi hätte es schließlich nicht getan.

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4. Gotham City Rescue (@GothamRescue) - 06/02/2013

Willkommen in meiner Welt. In Gotham City fahren wir täglich mit Blaulicht zu Lappalien, auch wenn das ein bisschen den organisatorischen Besonderheiten unserer Stadtrettung geschuldet ist.

Schnitt im Finger: RTW, Blaulicht. Ein Obdachloser, der auf dem Spielplatz unterm Klettergerüst übernachtet: RTW, Blaulicht, könnte ja bewusstlos sein. Ein ansprechbarer Betrunkener, der mit Hilfe seiner Freunde eigentlich privat „transportfähig“ wäre: RTW, Blaulicht, am Samstag abend gerne auch in mehrfacher Wiederholung. Gut, dass die Unterschichten-Proll-Disko nur 50m Luftlinie von der Wache entfernt ist! Einseitiger leichter Ohrenschmerz, Patient hat Termin beim HNO-Arzt in 4 Stunden und „hält es bis dahin nicht mehr aus“: RTW, wenn auch ohne Blaulicht. Knieschmerz mit „akuter Unbeweglichkeit“, weiblich, 30J, bei Eintreffen des RD bereits wieder beschwerdefrei: RTW, Blaulicht. Männlich, 20J, Bauchweh, was falsches gegessen: Blaulicht, RTW. Das Sicherheitspersonal der Öffis hat in einer Haltestelle einen Betrunkenen aufgegriffen, der nur im mindesten über körperliche Beschwerden klagt, und seien es die geschwollenen Beine oder ein Zwicken im Ohrläppchen: RTW, Blaulicht. Und die Frage, ob wir als mit Blaulicht angefahrener RTW nur mal schnell eine Schmerztablette gegen die Rücken-/Kopf-/Bauchschmerzen hätten, dann ginge es schon wieder: Täglich.

Neulich waren wir bei einem Herrn, der mangels Wohnung seit Wochen in einem Zelt im Stadtpark übernachtet. Ein hyperaktiver Helfer der Heilsarmee machte sich nun Sorgen, weil „das ja nicht ginge und der Mann hier doch erfriert und verhungert“. Polizei und RTW rückten natürlich mit Blaulicht an, zum Stichwort „Unklare Notfallsituation, Mann im Zelt!“ Oh Gott, ein Mann in einem Zelt! 😉

Auf dem Lande, wenn ich das so sagen darf, ist die unnötige Bindung eines RTWs vielleicht besonders schmerzhaft. Aber ich befürchte, vom Patientenverhalten habt ihr es da noch mit den Vernünftigeren zu tun 🙂

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Hermione - 06/02/2013

„Mann im Zelt!“ gefällt mir, das wär mal ein witziges Einsatzstichwort. Hättet doch noch die Feuerwehr nachfordern sollen, zur Zeltöffnung oder so. :mrgreen:

Als rollendes Apothekenschränkchen werden wir in der Tat auch häufig wahrgenommen. Ich frag mich manchmal echt, was die Menschen denn vom Rettungsdienst erwarten.

Das erinnert mich an meine Zeit als Sani im Kinderferienlager, als ich mitten in der Nacht von nem Betreuer geweckt wurde, weil ein Kind über Übelkeit klagte. Weil es am Tag davor im Freizeitpark mehrmals hintereinander mit einer etwas wilderen Achterbahn gefahren ist. Was in aller Welt soll ich da jetzt tun?

Genau das denk ich mir oft, wenn ich bei Menschen mit Kleinigkeiten stehe. Früher hat meine Mama mich ins Auto gepackt und ist selbst ins Krankenhaus oder zum, Arzt gefahren. Heute ruft man sich den Pizzaservice, ähh, Doc auf Rädern.

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gedankenknick - 08/02/2013

„Was in aller Welt soll ich da tun?“ – Na als rollendes Apothekenschränkchen habt Ihr garantiert ein Antiemetikum dabei, welches als Nebenwirkung auch noch müde macht. Aber zur Diagnose bitte noch den NEF dazu! 😉

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5. alltagimrettungsdienst - 06/02/2013

Solange die Krankenkasse noch jeden Sche.. bezahlt wundert mich gar nichts. Das viele Menschen verlernt haben, für sich und andere Verantwortung zu übernehmen, dass macht mich ziemlich traurig.

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Hermione - 06/02/2013

Aber wirklich. Zumindest bei den Besoffski-Taxi-Alarmierungen sollte mal klar zur Kasse gebeten werden. Es passiert eigentlich an jedem meiner Dienstwochenenden einmal, dass wir nachts in irgendne Kneipe gerufen werden und dann von uns erwartet wird, dass wir den Betrunkenen sicher nach Hause fahren. Kann’s doch echt nicht sein.

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6. gedankenknick - 08/02/2013

Ich kann mich noch erinnern, wie ich mir mal einen Schneidezahn bei einem Fahrradmissgeschick abgebrochen habe. Ich bin dann so gegn 22Uhr in der Zahnärztlichen Notfallambulanz (angeschlossen an eine Klinik) aufgeschlagen, und saß da über 1 Stunde rum, weil mehrere „Patienten“ vor mir dran waren, die in Gesprächen verlauten ließen: „Morgen will ich in den Urlaub, da muss ich die 6 Wochen alte Karies mal in den Griff bekommen…“ Ich hätte in den Stuhl gebissen, aber mit der blutenden Lippe wäre das eine Schweinerei geworden. Der Zahnarzt meinte auch, mit unter 2 Stundne bin ich aber schnell dran gewesen. (Und nein, ich hatte kaum Schmerzen, der Wurzelkanal war glücklicher Weise nicht verletzt worden. Da es aber mein ersten Missgeschick solcher Art war, wußte ich dass zu dem Zeitpunkt nicht besser.)

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7. fs - 11/02/2013

oh….nun, ich gestehe: ich habe auch mal für einen Betrunkenen einen rettungswagen gerufen.

Es war allerdings deutlich unter null, es schneite, der Mann hatte nur ein T-Shirt und eine dünne Hose an und war so besoffen, dass er immer wieder an der bushaltestelle bewusstlos wurde…

Als der Rettungswagen dann kam, war er immerhin so weit, dass er versucht hat, die Notfallhelfer zu vertrimmen….

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Hermione - 11/02/2013

Das ist ja auch kein unnötiger Notruf, sondern Zivilcourage. Der Mann hätte echt erfrieren können.
Bei solchen Betrunkenen ist es ja durchaus gerechtfertigt. Aber warum jemand aus der Kneipe gerettet werden muss, wenn er ein bisschen mehr als nötig getrunken hat, erschließt sich mir einfach nicht.

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8. kampfbibliothekarin - 21/02/2013

Wir mussten auch mal in der Notaufnahme warten weil ein Betrunkener randaliert hat. Mein kleiner Sohn hatte ne Gehirnerschütterung. Es ging ihm nicht sonderlich gut aber zu den Benhandungsräumen war ein durchkommen wegen dem Randalierer. Einfach traurig und schlimm sowas.

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9. Bestforyou - 28/06/2016

Auch ein Betrunkener kann ein Notfall für den Rettungsdienst sein muss aber nicht.
Was alamiert wird entscheidet der Disponent.
Und nicht der Anrufer.
Ein gute, genaue Notrufabfrage ist natürlich selbstverständlich.
Laien können viele Situationen gar nicht beurteilen.
Die Einsätze für Patient /Anrufer kostenpflichtig zu machen ist unverantwortlich, weil die Betroffen dann zögern. Was im Zweifel falsch ist.

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Hermione - 29/06/2016

Das stimmt schon, aber 90% der Betrunkenen, für die ich in den letzten sieben Jahren rausgefahren bin, waren noch nicht einmal bewusstlos oder bekotzt. Tut mir leid, aber auch ein Laie sollte einschätzen können, wann jemand noch normal betrunken ist und wann jemand Hilfe braucht.
Und dass Anrufer die Situation oft dramatischer darstellen als sie ist, ist leider auch so. Da kann der Disponent zwar gezielt nachfragen, aber im Zweifelsfall wird nun mal alarmiert.

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