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Ich will doch nur meine Ruhe! 12/02/2013

Posted by Hermione in Rettungsdienst.
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Wochenende, früher Nachmittag. Die Sonne scheint. Der Melder geht. Suizidankündigung.

Keine schöne Alarmfahrt zum Einsatzort. Ich weiß nicht, was anderen Rettungsmenschen da so durch den Kopf geht, aber ich hab einfach nur die Sorge, zu spät zu kommen.

Wir stehen vor einem kleinen Zweifamilienhaus. Ein bisschen runtergekommen, aber dennoch ganz nett. In der Tür steht schon einer der Bewohner und erwartet uns. Er hat auch den Rettungsdienst gerufen, weil er sich Sorgen um seinen erwachsenen Sohn macht.
Der Vater begleitet uns alle nach oben, wortlos, ein bisschen überfordert mit den ganzen Menschen. Wir sind nicht nur mit dem RTW angereist, sondern haben das NEF (also ein weiterer Rettungsassistent und ein Notarzt) und die Polizei dabei. Das ist so üblich. Bei verschlossener Tür hätten wir noch die Feuerwehr dabeigehabt.

Die Wohnung unseres Patienten ist dunkel und stickig, die Fenster sind geschlossen und die Vorhänge zugezogen. In jedem Raum stehen irgendwie zuviele Gegenstände. Es ist nicht zugemüllt, aber einfach zuviel Kram für die kleinen Räume.

Im dunklen Wohnzimmer steht unser Patient, total überrascht von dem ganzen Trubel. Der Vater hat ihn offensichtlich nicht darüber informiert, dass er Hilfe geholt hat. Die Polizei und das NEF-Team bleibt im kleinen Flur vorm Wohnzimmer stehen, wir sind beim Patienten im Wohnzimmer.
Mein erfahrener Kollege übernimmt die Gesprächsführung, darüber bin ich auch ziemlich dankbar.
Nachdem der erste Schreck über den unerwarteten Besuch sich gelegt hat, wird unser Patient ein bisschen gesprächiger. Er hätte momentan ziemlich viele Probleme und so einige Baustellen im Leben. Frisch getrennt, vor kurzem erst hier eingezogen. Drogen nimmt er auch, aber nicht regelmäßig, nur ab und zu. Umbringen möchte er sich aber eigentlich nicht. Eigentlich will er nur seine Ruhe.

Mitnehmen müssen wir ihn trotzdem.
Unser Ziel ist erstmal das örtliche Krankenhaus. Der Patient ist einverstanden.

Während der Fahrt erzählt er weiter von seiner Exfreundin, und dass er mit der Trennung überhaupt nicht klarkommt. Er vermisst die Kinder. Sind nicht seine eigenen, aber er fühlt sich als ihr Vater. Außerdem macht er sich Sorgen um seine Katze, die jetzt allein in der Wohnung ist. Aufgelöst wirkt er nicht, nervös schon eher.

In der Notaufnahme verabschieden wir uns von ihm. Wir wissen, dass wir ihn heute nochmal sehen werden.

Zwei Stunden später ist es soweit. Wir sollen ihn in die Psychiatrie der nächstgrößeren Stadt bringen.
Wirklich begeistert ist er natürlich nicht von der Situation. Immer wieder erklärt er, dass wir uns doch gar keine Sorgen um ihn machen müssen, dass er nicht in die Klapse will und dass seine Katze doch jetzt ohne ihn verhungern muss.
Die Fahrt dauert gut zwanzig Minuten. Ich hab inzwischen ein ganz gutes Gefühl dafür, welche Themen bei ihm „gut“ sind, und lenke das Gespräch vorsichtig in die richtige Richtung. Frage nach, wie die Katze heißt und wie alt sie ist, erkundige mich nach den Kindern. Er erzählt fast die gesamte Fahrt hinweg, ich muss kaum neue Fragen in den Raum stellen.
Das ist so ganz gut. Den Patienten erzählen zu lassen, lässt ihn meistens ruhiger werden. Es lenkt von der neuen, unangenehmen Situation ab. Wenn es ein angenehmes Thema ist, hilft das natürlich noch mehr.
Ich möchte nicht zwanzig Minuten lang in die Psychiatrie kutschiert und dabei angeschwiegen werden.

Am Zielort angekommen, warten wir zu dritt eine Weile vor der verschlossenen Tür, Es muss erst jemand kommen und uns öffnen. Unser Patient raucht währenddessen eine Zigarette. In einer anderen Situation hätten wir ihn gebeten, das zu lassen, aber so ist das schon okay.

Eine freundliche Ärztin kommt, um uns abzuholen. Also, nicht uns. Nur ihn. Er wirkt ein wenig verloren. Bedankt sich ehrlich freundlich bei uns, wünscht uns noch eine ruhige Schicht. Wir wünschen ihm alles Gute.

Keine Ahnung, ob er sich wirklich etwas antun wollte oder ob sein Vater die Situation falsch eingeschätzt hat. Es ist jedenfalls nicht das schlechteste für ihn, professionelle Hilfe zu bekommen.
Mein Eindruck aus unseren Gesprächen ist, dass er momentan mit allem etwas überfordert ist. Das ist keine Schande. Er möchte sein Leben aber gern wieder in den Griff kriegen und wieder glücklich werden.

Ich drück ihm die Daumen.

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Kommentare»

1. Kenner des Reisbärn - 12/02/2013

Mal ne Frage: Habt ihr CO-Warner dabei?
Momentan scheint da „Werbetrommel“ für die Warner gedreht werden,

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2. blaulichtengel - 13/02/2013

Ich glaube bei Suizidandrohungen ist die Anfahrt immer sehr seltsam, generell bei uns auch immer bei der Fahrt in die Pasychiatrie. Bin da meist sehr froh, dass ich Fahrerin bin. Leider habe ích in meiner doch recht kurzen Zeit im Rettungsdienst schon vergleichsweise viele Suizidandrohungen und psychiatrische Notfälle mitbekommen.
Ist es bei euch immer so, dass ihr zunächst in das normale Krankenhaus fahrt?
Bei uns wird eigentlich generell direkt das Bezirkskrankenhaus angefahren. Davor wird eben kurz abgeklärt, ob sie den Patienten auch aufnehmen.

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3. Tauchaussie - 13/02/2013

Hallöchen, jetzt will ich auch mal meinen Senf abgeben ;P
Tollen Blog hast du hier 🙂
Egal, ob der Mann sich nun umgebracht hätte, oder nicht: Hier wäre ich lieber einen Schritt zu vorsichtig, als nichts zu tun und hinterher den Bestatter rufen zu müssen. Ich weiß aus Erfahrung, dass diese Besorgnis der Angehörigen (die in diesem Fall zu einer Einweisung in die Psychiarie führte) bei Menschen mit Suizid- Gedanken einen Hass auf die Familie auslösen kann, der Jahrzehnte oder sogar ein Leben andauert (so à la „Du hast mich in die Klapse gesteckt“). Doch auch das kann es wert sein, um dieses minimale Risiko, den Menschen zu verlieren, auszuschließen bzw. zu minimieren.
Hoffen wir, dass dem Mann geholfen werden konnte und dass er seinem Vater nicht böse ist.

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