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Besser neunundneunzigmal zu viel … 08/11/2015

Posted by Hermione in Rettungsdienst, so bitte nicht.
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… als einmal zu wenig.

Das ist die vorherrschende Meinung, wenn es um das Alarmieren des Notrufs geht. Zumindest höre ich das im Einsatz (von Angehörigen) ziemlich häufig, und auch auf Twitter begegnet es mir regelmäßig, wenn ich mich über richtig unnötige Einsätze auskotze.

Nein, nein, nein!

Liebe Leute, ihr liegt falsch. Wenn 99 Menschen unnötigerweise den Rettungsdienst rufen, dann steht der Rettungswagen oder der Notarzt dem einen Menschen, der wirklich in einer lebensbedrohlichen Situation ist und dringend Hilfe braucht, nicht zur Verfügung!

Was glaubt ihr denn, wieviele Rettungswagen eine Stadt so zur Verfügung hat? Kleine bis mittelgroße Städte haben vielleicht nur einen oder zwei RTW und einen Notarzt. In größeren Städten gilt dieses in etwa pro Stadtteil, bei stärker bevölkerten Stadtteilen gibts vielleicht ein wenig mehr.

Aber die Anzahl der Rettungsmittel in eurer Umgebung ist nicht unbegrenzt und auch mit Blaulicht und Martinhorn sind wir nicht mit Lichtgeschwindigkeit in die Nachbarstadt unterwegs!

Wenn ihr dann mit eurem gebrochenen Finger, der Verstopfung um 23 Uhr abends, für den betrunkenen Kumpel in der Kneipe, dem Husten, dem leichten Fieber und was es nicht sonst für Wehwehchen gibt, 112 wählt und angebt, einen Notfall zu haben, dann nehmt ihr das eine freie Rettungsmittel, das eure Stadt oder euer Stadtteil gerade vielleicht hat, dem Menschen weg, der gerade einen Herzinfarkt, einen Schlaganfall, einen schweren Autounfall oder einen anderweitig lebensbedrohlichen Notfall hat!

Denn dafür ist der Rettungsdienst da. Nicht, um euch ins Krankenhaus zu fahren, weil der Bus nur zweimal die Stunde fährt oder das Taxi zu teuer ist. Nicht, weil ihr meint, mit dem Rettungswagen kommt ihr in der Notaufnahme schneller dran als wenn ihr allein ins Krankenhaus geht. Wir machen Übergaben. Wir sagen den Kollegen in der Notaufnahme, warum wir euch herbringen. Die wissen, dass ein quersitzender Furz weniger dringend behandelt werden muss als eine Beckenringfraktur.

Ihr müsst mit euren Lappalien im Krankenhaus warten, egal ob ihr mit dem Rettungswagen oder mit dem Taxi kommt. Ich möchte sogar behaupten, dass sich der Unmut über solch unnötige Alarmierungen auch auf die andere Seite der Rettungswagenanfahrt erstreckt. 😉

Es wird ja in Foren und anderen Idiotenbrutstätten gern der Tipp gegeben, bei Notrufalarmierungen anzugeben, Schmerzen in der Brust oder Atemnot zu haben (obwohl weder das eine noch das andere vorliegt), einfach nur damit der Notarzt mit ausrückt. Leute, habt ihr den Arsch auf? Glaubt ihr echt, dass ein zu Unrecht alarmiertes Team und vor allem ein zu Unrecht unter bewusster Vortäuschung eines Notfalls alarmierter Notarzt sich wirklich um eure dreitägige Verstopfung oder eure 38,4°C Körpertemperatur kümmert? Der rückt genervt wieder ab.

Ruft den Rettungsdienst, um Gottes Willen! Dafür sind wir da! Aber ruft ihn nicht unnötig, nur weil ihr keinen Termin bei eurem Hausarzt mehr bekommen habt oder im Krankenhaus nicht so lange warten wollt.

Im schlimmsten Fall tragt ihr bei bewussten Fehlalarmierungen die moralische Verantwortung dafür, dass ein anderer Mensch sterben musste, weil ihr den Rettungswagen oder Notarzt blockiert habt.

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Kommentare»

1. Karl - 08/11/2015

Aber bitte, dazu sagen: WENN die betreffenden Symptome (Schmerzen in der Brust, Atemnot, einseitige Lähmungen, Vernichtungskopfschmerz ect.) wirklich vorliegen, dann aber bitte keine falsche Scheu!

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Hermione - 08/11/2015

Entschuldige, aber das ist doch selbstverständlich und geht aus meinem Beitrag auch hervor, wenn es nicht explizit erwähnt wird. 🙂

Menschen, die auch dann „keine Umstände machen“ wollen gibt es leider, und die wird man wohl genauso wenig durch Blogbeiträge zum Umdenken bewegen können wie die, die das genaue Gegenteil verkörpern.

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Karl - 08/11/2015

jain

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Karl - 08/11/2015

Aber natürlich stimme ich vollkommen zu, dass Menschen, die bewusst unnötigerweise den Rettungdienst bestellen, verantwortungslos handeln. Nur damit da keine Missverständnisse aufkommen.

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Hermione - 08/11/2015

Ich hab das nicht falsch verstanden, keine Sorge. 🙂

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2. allyalert - 08/11/2015

Kann ich nur unterschreiben! Als meine Oma einen Schlaganfall hatte, kam nämlich erst Stunden später der RTW, wahrscheinlich waren die anderen schon belegt. Ich hoffe, dass das auch alles Leute waren, die den genauso gebraucht haben.

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3. turtle of doom - 09/11/2015

In der Schweiz haben wir eine recht gute Lösung dafür…

Die Krankenversicherung übernimmt die Hälfte der Kosten für „medizinisch notwendige Transporte“ (z.B. von zu Hause in die Klinik, oder von der Arztpraxis in die Klinik), aber maximal 740 Euro pro Jahr. Bei Rettungen wird auch nur die Hälfte übernommen, aber maximal 7400 Euro pro Jahr. Transporte zwischen Kliniken werden in jedem Fall übernommen.

(Bei Unfall wird alles übernommen, da dann entweder eigene Unfallversicherung, oder ab 8 Arbeitsstunden/Woche die Versicherung des Arbeitgebers einspringt.)

Ruft man wegen einer Bagatelle die Rettung – etwa in der Hoffnung, man werde in der Notfallstation dann vorgelassen – bringen sie einen gerne in die Klinik. Die Rechnung kommt dann bald… und umso lehrreicher ist die Rechnung, wenn dann „Indiziert: Nein“ drauf steht. Die Krankenkasse interessiert sich sehr für diese Zeile. Hrrhrrhrrhrr.

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Claudi - 10/11/2015

Und genau sowas fehlt in Deutschland. Man könnte bei 80% der Fahrten bei indiziert NEIN ankreuzen. Ich arbeite in einer Notaufnahme und gucke mir tagtäglich diesen Irrsinn mit dem Rettungsdienst an. Die Menschen,die wirklich was haben, kommen mit dem privaten PKW und die Patienten, die mit dem Rtw kommen, hätten locker auch nen Taxi und oder das eigene Auto nehmen können. Aber solange die Kosten immer artig von der Kasse bezahlt werden, wird sich daran auch nichts ändern.

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4. Sam Marino - 10/11/2015

Gutes Abfragen der Rettungsleitstelle / des ärztlichen Bereitschaftsdienstes sind hier ebenfalls ein wichtiges Bindeglied. Wenn ein Disponent argumentiert, der Patient habe ihm den Fall aber so nicht geschildert, ist meine erste Frage immer, ob er als Fachkraft überhaupt danach gefragt hat.
Eine gute Ausbildung, ausreichend Pausen, Lob und Anerkennung sowie gute Bezahlung, würden im Vorfeld ebenfalls so manche Fehlfahrt vermeiden.
Im Zweifel aber gilt auch hier, dass das höhere Rettungsmittel einzusetzen ist, und das ist auch gut so meine Damen und Herren 🙂

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5. Lina - 10/11/2015

Das könnte allerdings gefährlich werden, wenn Menschen, die sich die sich die Kosten für eine solche Fahrt nicht leisten können und unsicher sind, ob es wirklich ein Notfall ist, verzichten dann eventuell darauf den Rettungsdienst zu rufen.

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Karl - 10/11/2015

Hat halt alles zwei Seiten. Das vernünftigste sind immer noch immer wieder und wieder Aufklärung. Die passiert in allen möglichen Bereichen viel zu wenig.

Klar erreicht man damit nicht jeden und sofort, aber z.B. die Aidskampagnen haben gezeigt, dass das sehr wohl erhebliche Effekte haben kann, wenn man es vernünftig macht.

Evtl. könnte man auch fordern, dass solche Alarmierungen ggf. näher untersucht werden, wenn es ganz offensichtliche Diskrepanzen ziwschen den bei der Alarmierung berichteten Symptomen und dem anschließend erhobenen Befund gibt, sodass die behaupteten Symptome eigentlich nicht gewesen sein können. Und dann ggf. Regressforderungen stellen. Das ist aber sicher auch eine Grauzone, weil sich das schwer beweisen lässt.

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6. Julia - 24/07/2016

Ich stimme Dir zu 200% zu, was das bewusste Alamieren des Rettungsdienstes bei offensichtlichen Lappalien angeht. Das ist ein No-Go, ohne Diskussion. Glücklicherweise (Toi Toi toi) kam ich noch nie in so eine Situation, die Rettung holen zu müssen, ich könnte mir aber durchaus vorstellen, dasso viele Menschen als Laien auch oft nicht einschätzen können, ob es sich um einen wirklichen Notfall handelt oder nicht. Wenn zb jmd über Schmerzen in der Brust klagt, denke ich evtl auch an einen möglichen Herzinfarkt, anstatt an bspw „fehlgeleitete“ Blähungen o.ä. Und in diesem Fall würde ich mir dann auch denken „lieber einmal zu viel als zu wenig den Notarzt holen“.
Das hätte dann tatsächlich nichts damit zu tun, nicht im KH warten zu wollen, sondern eher mit Verunsicherung und Angst.
Da ich euren Job jedoch nicht mache (und ich habe den höchsten Respekt vor euch Rettern, DANKE dass ihr den Job macht, den ihr macht), möchte ich mir auch keine Urteil darüber bilden, wie oft ihr wirklich unnötig ausrücken müßt weil Menschen ernsthaft verunsichert oder einfach nur völlige Vollidioten sind 😉
Das waren nur die Gedanken, die mir direkt dazu in den Sinn gekommen sind 🙂

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Hermione - 24/07/2016

Bei Schmerzen in der Brust ist es ja auch völlig okay, den Rettungsdienst zu rufen, selbst wenn es sich dann als „kein Infarkt“ herausstellt. Das kommt vor, war aber auch überhaupt nicht mit dem Artikel gemeint. Sowas kann ja niemand wissen.

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7. Lebenwassonst - 08/11/2016

Falschalamierungen gehen gar nicht, damit meine ich Scherzanrufe etc. Obwohl wirklich nichts vorlag (0,0)
Diese Alarmierung von vorn herrein von seiten der Leitstelle zu vermeiden, ist nur durch die Kontrolle der Telefonnummer möglich, da dann die Falschmelder abgeschreckt werden.

Man müsste aber um genaues sagen zu können, wie sich fehlerhafte alamierungen auswirken, erst eine Analyse der Vorhaltung
der Einsätze und der Gespräch machen.

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Hermione - 08/11/2016

Ja, aber ich meine damit nicht nur Scherzanrufe, sondern auch Leute mit kleinen Wehwehchen, die für jeden gebrochenen Zeh den Rettungsdienst rufen.

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