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Und, wie läuft das Medizinstudium? 25/04/2016

Posted by Hermione in #medlife, Medizinstudium.
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„Und, wie läuft das Medizinstudium?“
„Hart… Viel zu lernen, ich hab das Gefühl, ich komm kaum hinterher.“
„Aber du bist doch auch Rettungsassistentin, du kennst dich doch schon aus.“
„Ja, aber das, was wir momentan machen, hat nix mit dem zu tun, was wir in der Ausbildung gelernt haben.“
„Aber das ist doch nur Wiederholung.“
„Nein, das geht viel tiefer.“
„Trotzdem ist das nur Wiederholung. Guck mal, Anatomie hatten wir in der Ausbildung doch auch. Physiologie ebenfalls. Wie das Herz funktioniert, hast du doch schon gelernt, und so.“
„Es ist nicht nur das, es ist alles viel detailreicher.“
„Nein, glaub mir, es ist alles nur Wiederholung!“
„Ok, du hast Recht, eigentlich wiederholen wir nur das, was ich eh schon kann.“
„Siehst du.“

Ja, dieses Gespräch fand wirklich so zwischen einem Kollegen und mir statt, während ich mir meine Freizeit mit einem Dienst versüßte und in meine Lernsachen vergraben auf der Wache saß.

Ich bin ehrlich, ich habe vorher auch gedacht, dass ich es ein bisschen leichter haben würde als meine Kommilitonen, die direkt von der Schule kommen, weil ich bereits studiert habe und weil ich eine medizinische Ausbildung und Berufserfahrung hab.
Vielleicht stimmt das ja auch, nur merke ich das nicht, zumindest nicht bewusst.

Wenn wir irgendwann auf Patienten losgelassen werden, tritt mein Vorteil vielleicht zutage. Ich habe den Umgang mit Patienten nicht in Anamnesekursen gelernt, sondern meine Skills jahrelang mit echten Patienten geübt, ganz auf mich allein gestellt und ohne Dozenten, der mich an die Hand nimmt und das Gespräch in die richtigen Bahnen lenkt, wenn ich mich hoffnungslos verfranse oder der Patient einfach nichts zielführendes antwortet oder nicht zum Punkt kommt.

Aber jetzt, in der Vorklinik, bringt mir das alles nix. Wir müssen Sachen auswendig wissen, von deren Existenz wir in der Rettungsdienstausbildung noch nicht einmal erfahren haben.
„Muss gewusst werden!“ ist zwischen Jamie und mir so eine Art Running Gag geworden, wann immer wir auf eine vollkommen bescheuerte Formel, ein Fachwort mit mehr als 30 Zeichen oder eine Zahl mit vier Vor- und acht Nachkommastellen stoßen. Meist ist es dann auch tatsächlich so, dass wir diese Information in den Klausuren nicht angegeben bekommen, sondern in unserem Gedächtnis danach kramen müssen.

Und das führt zu folgendem, ebenfalls recht häufig geäußertem Satz:

„Ist doch nur Auswendiglernen.“

Ja, ist es größtenteils tatsächlich. Es gibt natürlich Sachen, die man verstehen muss (oder, wie ich finde: darf), aber bisher ist der Großteil Auswendiglernen.
Auswendiglernen kann ich sehr gut, es fällt mir leicht, geht recht schnell und eigentlich auch in recht großem Umfang.

Der Umfang im Medizinstudium ist allerdings nicht „recht groß“, er ist gigantisch.
Natürlich ist es leichter, wenn man gut Auswendiglernen kann, aber es ist dennoch ein riesiger Unterschied, ob ich für eine Prüfung zehn Seiten Informationen auswendig lernen muss oder für acht Prüfungen jeweils ein halbes Telefonbuch.

„Multiple Choice ist doch leichter als selbst was hinschreiben, die richtige Antwort steht doch schon da.“

Ja, im schlimmsten Fall kann man immer noch Lotto spielen. Die richtige Antwort verbirgt sich aber zwischen vier falschen Antworten, die leider ebenfalls richtig klingen. Wenn man sich nicht wirklich exakt und sehr detailverliebt in das Thema eingearbeitet hat, fällt man leicht auf eine oberflächlich richtig klingende Antwort hinein und schon ist der Punkt verschenkt.
Da die Anzahl der Prüfungsversuche, bis es „Ende des Medizinstudiums deutschlandweit“ heißt, sehr begrenzt ist, ist eigentlich jede verschenkte Klausur Stress. Zumindest für mich. Und nein, ich möchte keine guten Tipps, wie ich diesen Stress ablegen kann. Es wird nichts an den Tatsachen ändern: Die Versuche für jede Prüfung sind begrenzt und danach ist es für mich für immer vorbei.

„Wovon willst du denn erschöpft sein, du musst doch nur lernen?“

Ja, ich arbeite jetzt nicht mehr so stark körperlich wie vorher, aber trotzdem bin ich dauernd kaputt. Nur, weil ich jetzt nicht mehr täglich Patienten aus dem zweiten bis fünften Stock runtertrage, heißt das nicht, dass ich den ganzen Tag nur auf dem Sofa sitze. Ich sitze meistens, ja, aber lernen ist ebenfalls sehr anstrengend. Mein Gehirn fühlt sich abends an, als wäre es ausgesaugt worden, und nachts falle ich meist in einen komatösen Schlaf, sobald mein Kopf das Kissen berührt und ich meinen Stoffhasen im Arm halte.

„Warum nimmst du denn deine Lernsachen mit zur Wache? Lern doch einfach in den Vorlesungen, anstatt da zu schlafen.“

Sehr witzig. Solche Sprüche hört man besonders gern von Leuten, die noch nie eine Uni von innen gesehen haben und sich da voll und ganz auf die Insiderinformationen von RTL und der BILD-„Zeitung“ verlassen.

„Guten Abend, meine Damen und Herren, guten Morgen, liebe Studentinnen und Studenten.“

Hahahahahahaha. Fick dich.
Mein Wecker klingelt meist um halb sieben, manchmal auch vorher, weil ich dieses Semester jeden Tag um acht Uhr die erste Vorlesung habe. Unsere Hörsäle sind in der Regel so überfüllt (da viel zu kleine Hörsäle für unsere Vorlesungen gebucht wurden), dass man keine Chance mehr auf nen Sitzplatz hat, wenn man nicht mindestens ne zwanzig Minuten vor Vorlesungsbeginn da ist.
Wir haben zwar fast jeden Tag mittags eine oder zwei Stunden frei, sodass wir wenigstens dazu kommen, in der Mensa zu essen, aber meist geht der Unterricht dann (mit kleinen Unterbrechungen) trotzdem bis in den späten Nachmittag weiter. An zwei Tagen haben wir auch bis nach 19:30 Unterricht.
Und wenn wir mal mittags schon frei haben, heißt das nicht, dass wir uns aufs Sofa knallen und fernsehn, im Internet surfen oder auf unseren Konsolen zocken. Den ganzen Kram (und es ist verdammt viel!), den wir an dem Tag in den Vorlesungen und Seminaren hatten, müssen wir nacharbeiten. Für eine anderthalbstündige Vorlesung brauchen wir locker vier Stunden Nachbereitungszeit, und das liegt nicht daran, dass wir langsam sind oder uns oft ablenken lassen. Dann gibt es auch immer wieder Veranstaltungen, die man nicht nur nach-, sondern auch vorbereiten muss. Wir haben jede Woche Seminare und Praktika, zu denen wir nicht unvorbereitet erscheinen dürfen. Meist wird zu Beginn des Praktikums abgefragt. Wer nicht gut genug vorbereitet ist, wird nach Hause geschickt und erhält einen Fehltermin.

Wenn ich also seit kurz nach sechs wach bin und genau weiß, dass ich bei dem ganzen Zeug, das ich vor- und nachbereiten muss, nicht vor ein Uhr im Bett sein werde, obwohl mein Wecker am nächsten Tag ebenfalls wieder um kurz nach sechs klingelt, bin ich für Witzchen darüber, was für ein tolles entspanntes Leben wir Studierende doch haben, nicht sonderlich empfänglich.

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Kommentare»

1. Michael - 25/04/2016

Ich kann keine Tips geben außer dir viel Glück dabei zu wünschen dich durch die Basics „durchzubeissen“. Ich denke, das ist die Zeit, in der die Leute ausgesiebt werden, die nicht geeignet sind, dennoch halte ich die Methoden für mehr als fragwürdig.

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2. LittleF - 25/04/2016

Schon „toll“, wie man von manchen Menschen ernst genommen wird – und wie gut die einem zuhören …

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3. Polly Oliver - 25/04/2016

Ja, so ist das leider. Ist bei den Tiermedizinern aka Vetis nicht viel anders. Nur das ich mir noch regelmäßig von meinem Vater, seines Zeichens Orthopäde und Chirurg, immer anhören durfte, ich solle mich nicht so anstellen. Die Arterien des Armes wären doch diese jene welche und das mit den tierartlichen Unterschieden hätte ich mir doch ausgedacht, das könne doch gar nicht so schwer sein.
Ein großer Unterschied zu deinem Studium war bei mir allerdings, dass wir in der Vorklinik gar nicht gekreuzt haben. Mit Ausnahme der Tierzucht und Genetik Prüfung zum Physikum war alles mündlich und die war schriftlich, also auch nicht zum kreuzen. Und wir hatten ab dem 2ten Semester jede Woche Kolloquien (Anatomie, Histo, Embryologie, Biochemie) bzw. mündliche Antestate (Physiologie). Nicht jedes Fach jede Woche, Biochemie zB alle zwei Wochen, aber jede Woche mindestens eins.
Aber in der Klinik wurde es zumindest bei uns entspannter. Also halt die Ohren steif, es ist zwar scheiße und mit dem lustigen Studentenleben hat das alles so rein gar nichts zu tun, aber es wird besser.
Viel Spaß beim Fachtierarzt für Primaten 😉 (um den Flachwitz noch zu bemühen)

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Hermione - 25/04/2016

Oha, mündlich find ich ja noch schlimmer als schriftlich… Und die Arterien des Armes sind ja schon bei einer Tierart schwer zu merken, das ganze Spiel dann noch mit mehreren Arten… *grusel*

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Polly Oliver - 25/04/2016

Naja, man gewöhnt sich an alles. Blöd ist nur, wenn man 3 Semester auf mündliche Prüfungen getrimmt wird und dann in der Klinik auf einmal kreuzen muss, auch wenn es nur Single-choice sind. Und die Examsprüfungen sind dann wieder mündlich.

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4. Lina - 25/04/2016

Mensch, das ist ein Studium kein Kindergarten. Da ist es ganz normal, dass man was arbeiten muss. Also nicht jammern, sondern einfach machen!

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Hermione - 25/04/2016

Das ist nicht „jammern“ das ist „darüber bloggen“.

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5. erdbeeryoghurt - 25/04/2016

wie sehr sehr sehr ich dich verstehen kann und jeden dieser Dialoge da kenne.
Und ich habe das Gefühl (zumindest bei uns) geht’s im Moment noch viel, viel schlimmer
(ich sag ja nur Physikum sein lassen und die ganzen Späße erst nach dem 6. Semester. Mit klinischen Fächern zusätzlich. Ich glaub, wenn der Sommer rum ist, kann ich mir erst mal ein Freisemester gönnen zur Therapie…)

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Hermione - 09/05/2016

Das klingt tatsächlich noch stressiger… Urgs.

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6. LunaLovegood - 25/04/2016

Ich finde es zwar sehr motivierend, dass du nach deiner Ausbildung und Warten endlich dein Studium hast. So erhoffe ich mir das auch, aber du machst mir ANGST!!!

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Hermione - 09/05/2016

Nein, bitte keine Angst haben! Einfach nur ab dem ersten Tag dabei bleiben und weit weit weeeeiiiiiit vor den Klausuren anfangen zu lernen. 🙂

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7. Asti - 25/04/2016

Das Grundstudium ist hart, aber wenn du das überstanden hast, wird es besser!

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8. high voltage engi (@electric_engi) - 25/04/2016

Diese Tipps von unwissenden sind schon toll…
Wenn man Mechatronik studiert und Elektroniker vorher gelernt hat ist das im gewissen Maße ähnlich. Der Abstraktionsgrad ist erheblich höher, viele Dinge hat man schon gehört, aber vom Formeln auf einfach Fälle anwenden hin zu Formeln in komplexer Mathematik fassen ist es ein weiter weg… Aber man kennt das ja alles schon und es ist das gleiche…
Der Zeitaufwand ist auch nicht unerheblich gewesen, aber man sitzt ja nur zuahuse und spielt, man schläft drei Stunden in der Hochschule,… Ja ne, ist klar.

Ich fühle mit dir.

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9. Frank - 26/04/2016

Wenn ich deine Zeitplanung so lese, dann solltest du nicht unterschätzen wieviel Schlafmangel dir antut. Es gibt da so ein Buch „Die unausgeschlafene Gesellschaft“ oder so ähnlich, wo der Autor beschreibt, dass er jeden Tag eigentlich nur eine Stunde weniger geschlafen hat, bis es ihn dann irgendwann umgehauen hat. Danach kam er vollständig ausgeschlafen in sein Büro zurück und hat sich förmlich gewundert wieviel liegen geblieben ist und wie seine Leistung während der Zeit abgesackt ist…

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Hermione - 26/04/2016

Ja, ich weiß das, aber viele Tage lassen wenig Zeit zur Wiederholung, und alles am Wochenende machen geht auch einfach nicht (zumal ich ja auch noch ein bisschen arbeiten muss, wenn ich im Laufe des Monats Nahrung zu mir nehmen will…)

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10. LorenzMD - 15/05/2016

Ich kann mich noch sehr gut an diesen ewigen Kampf um die Motivation erinnern, das Gefühl, am Fuß eines enormen Steilhanges zu stehen, den man nun hinaufklettern soll. Aber: der Weg lohnt sich. Dermaßen. Auch nach über 15 Jahren in dem Beruf würde ich die plackerei jederzeit wieder auf mich nehmen. Insofern beneide ich dich auch ein bisschen: du kannst diese ganze fantastische Welt des Arztberufes jetzt für dich entdecken und erkunden. Dabei wünsche ich dir unglaublich viel Spaß, und dass du auf ganz viele faszinierende und inspirierende Menschen treffen mögest.

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Hermione - 15/05/2016

Danke dir! ❤

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11. Änschie - 12/11/2016

Ich kann mich auch gut an das Gefühl erinnern, dass man ständig hinterher hängt und alle anderen ja schon viel weiter sind mit dem Lernen… von Verwandten gabs dann immer zu hören „du warst doch immer so gut in der Schule, da schaffst du das doch auch mit links“ ja sicher… 😬 ein Haufen Zeit und Arbeit hat es am Ende möglich gemacht… wirklich verzweifelt war ich damals in der Vorklinik nur, als ich die zweite Wiederholung in Chemie verrissen hatte und das bei uns an der Uni bedeutet – ein Jahr länger Vorklinik, herzlichen Glückwunsch… aber dank Freunden und Familie ging das am Ende… jetz habe ich das StEx hinter mir und starte bald ins PJ… also Durchhalten! Wenn du an dich selbst glaubst, ist es die halbe Miete 🙂

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