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Aggression. 24/05/2016

Posted by Hermione in Angehörige from hell, Rettungsdienst, Themenwoche.
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Es gibt Situationen, da hat man von Anfang an ein ungutes Bauchgefühl.

Auch wenn wir im Rettungsdienst tatsächlich selten mit echten Notfällen zu tun haben, sind die Situationen für die Patienten und Angehörigen meist ein großer Stressfaktor. Die Stimmung ist oft sehr angespannt.

Meist gelingt es, mit ruhigem und professionellem Auftreten die Situation zu entspannen und (für beide Seiten) den Druck rauszunehmen. So kann man wesentlich besser arbeiten, die Mitarbeit der Patienten verbessert sich, Angehörige werden kooperativer und halten uns nicht davon ab, unsere eigentliche Arbeit zu tun (nämlich, sich um den Patienten zu kümmern, nicht wuselige Angehörige einzufangen).

Manchmal klappt das nicht. 

Wir sind zu dritt auf unserem Rettungswagen. Zwei Rettungsassistenten (ich und ein männlicher Kollege) und ein männlicher Praktikant, der gerade seinen Rettungshelfer gemacht hat und jetzt nen Monat bei uns mitfährt.

Einer unserer ersten Einsätze an dem Tag ist eine Patientin mit Verdacht auf Herzinfarkt. Der Notarzt ist da mitalarmiert und auf dem Weg, aber weil die Wohnung, zu der wir gerufen wurden, in der Nähe der Wache liegt, sind wir deutlich eher da als das NEF. 

Der Kollege und ich sind ein eingespieltes Team. Er redet mit der Patientin, um herauszufinden was passiert ist, ich mach die ganze Diagnostik, der (recht frische und unerfahrene) Praktikant reicht mir alles an, was ich brauche. 

Ich klebe die EKG-Elektroden auf und betrachte den Rhythmus auf dem Monitor. „Normaler Sinusrhythmus, bisschen schnell“ raune ich meinem Kollegen zu. 

Einen Herzinfarkt können wir natürlich nicht ausschließen, das muss im Krankenhaus geschehen, aber wir wissen jetzt, dass wir ein bisschen mehr Zeit haben.

Noch bevor mein Kollege irgendwie reagieren kann, packt der Angehörige ihn an den Schultern, schüttelt ihn und brüllt „Jetzt gucken Sie doch wenigstens mal auf das Gerät!“. Völlig perplex sage ich, dass ich das schon im Blick habe. Daraufhin schubst der Angehörige mich vom Defi weg und brüllt mich an, dass ich ja wohl kein Arzt sei.

Wir stellen richtig, dass niemand von uns Arzt ist, und bitten den Angehörigen, sich zu beruhigen und uns nicht noch einmal körperlich anzugehen, weil wir uns sonst nicht um seine Ehefrau kümmern können. 

Der Angehörige lässt sich aber nicht mehr beruhigen, beschimpft uns wüst und wirft mit seinem Telefon nach uns. 

Wir sehen uns dazu gezwungen, die Patientin und unsere Ausrüstung zurückzulassen, die Wohnung zu unserem eigenen Schutz zu verlassen, und (gemeinsam mit dem Notarzt und seiner Rettungsassistentin) vor dem Haus im RTW auf die Polizei zu warten.

Eigenschutz geht immer vor. Wenn du uns angreifst, weil wir uns in deinen Augen nicht gut genug um den Patienten kümmern, erreichst du das Gegenteil. (Und du hast dann halt zusätzlich noch ein Problem mit der Polizei. Die finden es auch gar nicht lustig, wenn Retter angegriffen werden.)

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Kommentare»

1. Das letzte Eichhorn - 24/05/2016

Unfassbar, wie kann man so offensiv und aggressiv gegen die Rettungskräfte vorgehen? Das geht doch über reine Hysterie hinaus. Beinahe könnte man meinen, der Typ wollte seine Frau „loswerden“.
Wie ging es denn weiter, nachdem ihr nach draußen geflohen seid?

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Hermione - 24/05/2016

Nein, er war einfach nur sehr besorgt und war der Meinung, dass wir uns nicht richtig um seine Frau kümmern.
Die Polizei hat ihn aus dem Wohnzimmer entfernt, wir haben die Patientin und unser Zeug eingesammelt und sind mit ihr ins Krankenhaus.

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2. Schneckenhäuschen - 24/05/2016

Puh!
Da habt ihr ganz schön besonnen reagiert…!
Ich fände es glaube ich auch schwer den richtigen Zeitpunkt zum ‚gehen‘ zu finden…

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3. Nanni - 24/05/2016

Oh je. Definitiv kein tolles Erlebnis und ein sehr interessantes Beispiel, weil man die Grundhaltung des Angehörigen aus seiner Laiensicht ja sogar noch nachvollziehen kann- Sorge um einen geliebten Menschen, beansprucht einen emotional sehr, doch ist Gewalt gegen das RD Personal wirklich kein gelungenes Ventil dafür. Hier war der Angehörige aber noch Herr seiner Sinne und kann sich vielleicht später über sein Fehlverhalten klar werden bzw falls es wirklich zu Handgreiflichkeiten kommt angezeigt und ggf verurteil werden- was aber nichts daran ändert, dass es für euch bestimmt ein belastendes Erlebnis war.

Schwierig finde ich auch die Situationen in denen die Aggression von jemandem ausgeht, der (gerade) nicht zurechnungsfähig ist. Ich selbst habe mal von einem dementen Patienten ein blaues Auge verpasst bekommen, das er treffsicher mit der Faust gelandet hat. Eine andere Besatzung ist von einem hypoglykämischen Patienten bedrängt, begrapscht und geschlagen worden. Wie geht es da weiter? Man fühlt sich falsch behandelt, weiß aber dass der Angreifer nicht Herr seiner Sinne war.

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4. Ingo (@Schmallek) - 24/05/2016

Man hört ja auch von Feuerwehr und Polizei immer von Behinderungen, aber sowas hab ich auch noch nicht gehört. Man sollte auch meinen das die Besatzung eines RTW ausgebildet ist. Gibt es für solche Fälle auch psychologische Schulungen? Ich denke gerade auch an Menschen, die eine Behandlung aus religiösen Gründen ablehnen.
Hauptsache die Dame konnte kuriert werden? Das wirst du zwar nicht wissen, aber bei einigen Patienten denkt man doch sicher darüber nach. So würde mir es wohl gehen, also wär das sicher kein Job für mich.
Gruß, Ingo

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Hermione - 24/05/2016

Wer eine Behandlung ablehnt, wird nicht behandelt. Wir können ja nicht gegen den Willen des Patienten irgendwas machen. Das würde ich (als Patientin) auch nicht wollen.

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5. Ga32van - 24/05/2016

Gute Reaktion und absolut korrekt reagiert. Man darf nie vergessen, auch wenn der „Herzinfarkt“ für uns „Alltag“ ist bleibt es für den Patienten (der wahrscheinlich gerade überfordert ist) und vor allem den besorgten Angehörigen eine Ausnahmesituation (wie oft hattet ihr privat schon mit dem RD zu tun?)
So gesehen kann ich oben beschriebenen Handlungen von Angehörigen mit unter verstehen, auch wenn das keine Rechtfertigung sein soll!
Letztlich muss man als Retter glaube ich professionell bleiben und sich immer wieder vor Augen führen, dass man idR nicht als Person sondern als Uniformierter gemeint ist! Im Zweifel muss es halt die zuständige Fachdisziplin (Pol) lösen!

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6. Jörg - 24/05/2016

Ernste Frage: Was macht als Retter in solch einer Situation mit problematischen Angehörigen wenn es wirklich um „Leben oder Tod“ geht?
Auch die Wohnung verlassen?

Wie „ruppig“ darf man als Retter werden?
Welcher Schutz steht am Höchsten?

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Hermione - 24/05/2016

Eigenschutz geht immer vor.
Ist zwar keine sehr befriedigende Situation, aber dem Patienten ist auch nicht geholfen, wenn ich mich zusammenschlagen oder abstechen lasse.

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7. Sie haben keine Sonderrechte! | rescue blog - 29/05/2016

[…] Aggression (Rescue Blog) „Ihr steht im Weg, ihr Penner!“ (Rescue Blog) Gaffer (Alltag im Rettungsdienst) Mit Gewalt gegen Hilfe (Schneckenhäuschens Blog) All I’m askin‘ is for a little respect (Krangewarefahrer.de) Kleine Respektlosigkeit zwischendurch. (Rescue Blog) Respekt/Eigenschutz (Rescue Blog) […]

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