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Kleine Respektlosigkeit zwischendurch. 27/05/2016

Posted by Hermione in Rettungsdienst, so bitte nicht, Themenwoche.
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Es ist ein sehr stressiger Tag.
Der Kollege und ich hatten bisher keine einzige Verschnaufpause, den ganzen Tag schon arbeiten wir durch.
Da sind wir aber auch nicht die einzigen. Vor jedem Krankenhaus stapeln sich die Rettungsfahrzeuge bis zur Straße hin.
Es liegt also nicht an uns. (Es gibt ja Einsatzbremsen und Einsatzmagneten.)

Wir stehen also auch dieses Mal nicht in der RTW-Halle des Krankenhauses, sondern davor. Wir behindern aber auch niemanden, denn bis zum Bürgersteig sind noch ein paar Meter Platz.

Während ich gerade die Infusion von der Halterung bastel und mein Kollege hinten die Türen öffnet, kommt ein (ganz normal aussehender!) Typ mittleren Alters vorbei, tritt den einen Flügel der Tür (den mein Kollege noch nicht “einrasten” lassen hat) wieder zu und geht weiter.

Das hätte auch schiefgehen können. Hätte der Kollege die Tür noch in der Hand gehabt, oder wäre ich (was ich manchmal gern mache) währenddessen hinten ausgestiegen, hätte er uns übel verletzen können.

Wir haben leider nicht die Möglichkeit, uns um diesen Idioten zu kümmern, weil unser Patient wirklich schnell ärztlich versorgt werden muss.

Eine Frage, die ich mir sehr oft stelle, aber: Was ist kaputt mit den Menschen?

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Kommentare»

1. pflaegermeister - 27/05/2016

Gefühlt arbeitest du im assigsten Teil Deutschlands. Solche Sachen sind mir hier noch nicht unter gekommen und auch kein Kollege hat mal was in der Richtung erlebt.

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Hermione - 27/05/2016

Das sind Erlebnisse aus den letzten sieben Jahren, also nix, was zeitlich nah beieinander (oder in der selben Stadt) passiert wäre.

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pflaegermeister - 27/05/2016

Ah, ok. Dennoch. Derartiges kommt hier nicht unter. Ich weiß schon, warum meine Heimatstadt als netteste Großstadt gilt.

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2. Andi - 27/05/2016

Kaputt finde ich das nicht sondern menschlich: Ein kurzer Impuls von Aggression, …. wer empfindet niemals Ärger (auch eine Form von Aggression)?
Wer weiß, worüber sich der Typ gerade geärgert hat, und seine Aggression loßwerden wollte. Möglicherweise tat es ihm danach leid, oder er hat sich danach für die Tat geniert?

Mir fällt dazu ein heute gelesener Artikel in der MMW über Selbstverletzungsspuren bei Jugendlichen ein. Der Psychiater empfiehlt beim Wahrnehmen solcher Ritzwunden u.ä. die Frage: Bei welchen Emotionen hilft Dir das? … Das würde ich den Typ auch fragen.

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pflaegermeister - 27/05/2016

Agression gegen einen Rettungswagen/den Rettungsdienst? Das finde ich nicht menschlich, sondern daneben. Hau doch gegen die Hauswand.

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Andi - 27/05/2016

Natürlich sollte niemand den RTW beschädigen, aber hier geht es ja um mehr, nämlich um die Frage, wie kaputt ist die Gesellschaft und warum – da ist „Hau doch gegen die Hauswand.“ zu platt, um als Antwort durchzugehen.
Nehmen wir mal an, Du erfährst jetzt im Nachhinein, dass der Typ gerade sein neugeborenes Kind schicksalhaft verloren hat. Ist er dann auch nur „kaputt“ – oder doch „menschlich“?

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pflaegermeister - 28/05/2016

Zivilisierte Menschen sollten in der Lage sein auch in harten persönlichen Situationen ohne Gewaltanwendung gegen Personen oder Dinge durch den Tag zu kommen. Und wenn man schon meint, man müsse irgendwo gegen hauen, dann doch wenigstens gegen etwas, was dabei keinen Schaden nimmt und niemanden gefährdet.
Vulgo: es ist mir scheißegal in welcher schicksalhaften Situation sich jemand befindet, das ist kein Freibrief für irgendwas.

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Andi - 28/05/2016

Dann spitze ich die Situation noch etwas zu:

Deine Rettungsdienstkollegen haben ein Baby versorgt, dass durch ein Schütteltrauma Schaden genommen hat. Die Kollegen informieren die Leitstelle, dass der Vater des Kindes, das wahrscheinlich durch die Gewalt der Eltern lebenslangen Schaden genommen hat, selbst massiv traumatisiert erscheint und durchzudrehen droht.

Die Leitstelle schickt Dich und Dein Team zu dem Vater, um diesen wegen Nervenzusammenbruch zu versorgen.

Dieser Patient befindet sich also in einer schicksalhaften Situation und hat trotz sonst zivilisierter Erziehung lebensbedrohliche Gewalt gegen sein eigenes Kind ausgeübt.
Darf ich – natürlich etwas provokativ – fragen, ob Dir der Patient in dieser Situation auch „scheißegal“ ist?

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pflaegermeister - 28/05/2016

Mir ist nicht klar wie das ein passender Vergleich sein soll.

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Andi - 28/05/2016

Das gewählte Beispiel zeigt:
1. Impulsive Gewalt kann in Krisen jeden von uns übermannen, auch wenn wir sonst noch so zivilisiert sind.
2. Impulsive Gewalt ist Teil unserer Gesellschaft, und wir werden z. B. beim Schütteltrauma damit beruflich konfrontiert.
3. Ein professioneller Umgang mit Gewalt bedeutet, diese zu akzeptieren, wo sie auftritt, und Hilfe zu leisten, wo sie möglich ist – manchmal eben auch gegenüber Gewalttätern. Diese als kaputte Idioten abzuwerten oder zu beschimpfen, ist – wie die Aggression selbst – auch menschlich, aber gehört sicher nicht zur Professionalität eines erfahrenen Rettungsassisstenten oder Notarztes.

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pflaegermeister - 28/05/2016

Ich sehe trotzdem nicht, was das Versorgen eines ggf. gewalttätigen Patienten mit sinnloser Gewalt gegen den Rettungsdienst zu tun haben soll und warum ich einfach akzeptieren sollte, dass es Gewalt gegen den Rettungsdienst gibt.

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Hermione - 28/05/2016

Ah okay, hier liegt ein Missverständnis vor. Die Frage am Ende war eigentlich nur rhetorisch. Sorry.
Du hast natürlich Recht, dass jede(r) von uns mal irgendwo Aggressionen abbauen muss. Das ist völlig menschlich. 🙂
Ich such mir dafür aber nicht irgendwelche unschuldigen Opfer (Menschen, Tiere, Pflanzen, Gegenstände), sondern reg mich beim Sport ab, mit PlayStation-Spielen, oder indem ich wütende Tweets oder Blogposts verfasse. Im 21. Jahrhundert haben wir so viele Möglichkeiten, da sollte man die blinde Zerstörungswut unter Kontrolle haben. 🙂

Und wenn man schon unbedingt was kaputtmachen muss, kann man ja immer noch etwas nehmen, das einem selbst gehört.

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pflaegermeister - 28/05/2016

Quark. Macht kaputt, was euch kaputt macht. XD

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3. Andi - 28/05/2016

Das Versorgen eines gewalttätigen Patienten bringt einen Blickwinkel in die Diskussion, der vorher nicht da war: Die Professionalität.

Gewalt gegen den Rettungswagen sollte akzeptiert werden, weil sie Realität ist.
Die Realität kann ich akzeptieren – oder bekämpfen, bejammern, beklagen, mich als Opfer fühlen etc.
Der langjährige Rettungsdienstler oder Notarzt akzeptiert eher, weil er sonst in seinem Job auf Dauer nicht glücklich wird.
Der Unterschied wird auch hier eher wieder an einem krassen Beispiel deutlich: Der Patient, der einen Arm verloren hat und akzeptiert, dass er offensichtlich für sein Leben nur einen Arm braucht, weil es die Realität ist, hat eine Chance trotzdem glücklich zu werden. Der Patient, der dem verlorenen Arm den Rest seines Lebens nachjammert wird nicht mehr wirklich glücklich. Und an der Realität ändert weder Jammern noch die Opferrolle etwas.

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pflaegermeister - 28/05/2016

Du gehst davon aus, dass ich das nicht einfach akzeptiere. Da ist schon die Grundannahme falsch. Ich kann die Tatsache gut akzeptieren und stehe da auch drüber. Ich kann es lediglich nicht nachvollziehen. Das sind zwei paar Schuhe.

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Hermione - 28/05/2016

Akzeptanz hat in dem Beispiel ein bisschen den faden Beigeschmack des Sich-Abfindens. Natürlich wissen wir, dass das die Realität ist. Aber wenn ich mir sagen würde „ist halt so“, und das gilt für viele Dinge, würde ich die Welt ein Stück weit aufgeben.
Missstände sind (meiner Meinung nach) dazu da, dass man sie aufzeigt und dagegen angeht.

Den verlorenen Arm kann man nicht zurückkriegen, aber gegen Gewalt im Rettungsdienst kann man durchaus was tun, Aufklärungsarbeit zum Beispiel.

„Die Welt ist schlecht, find ich mich halt damit ab“ war noch nie meine Einstellung.

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Andi - 28/05/2016

„Die Welt ist schlecht…“ – sorry, einen solchen Blick auf den Planeten habe ich keineswegs beabsichtigt, im Gegenteil:

Die Welt ist immer perfekt, so wie sie gerade ist. – Nur unsere Wertung macht die Welt krank. Was ist objektiv geschehen? -> Ein Mann gab einer Fahrzeugtür einen Schubs…. Das wars, perfekt durch und durch. Alles Andere, was wir hier reininterpretiert haben (hätte jemand verletzen können, kaputt, Idiot, Gewalt gegen Rett.dst.,…) spielt sich nur in unseren Gedanken ab.
Provokant? Realitätsfremd? Vielleicht, aber diese Sicht macht den Dienst zu einem spannenden, immer perfekten Geschenk.
{Ich freue mich auf eine rege Diskussion!}

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Hermione - 28/05/2016

Nein, aber ich. Die Welt ist schlecht, die Welt ist ungerecht. Es gibt 1% der Menschheit, die alles haben, und 99% der Menschheit, die nichts haben und ausgebeutet werden.
Es gibt Gewalt, Hunger, Krieg. Die Welt ist schlecht.
Wir haben aber die Möglichkeit, es besser zu machen. Wir müssen dafür nur im kleinen anfangen. Bei uns selbst, bei unseren Kaufentscheidungen, dabei, wie wir mit unseren Mitmenschen umgehen. Den Kassierer im Supermarkt nicht anschnauzen, wenn’s mal länger dauert, der Omi an der kaputten Rolltreppe den Koffer runtertragen, die Menschen, die gekommen sind um zu helfen, nicht angreifen.
Es kann so einfach sein.

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Andi - 28/05/2016

Die Welt ist voll cool, und das liegt nicht daran, dass ich alles habe.
Aber Du hast so recht, wir müssen bei uns selbst anfangen, wo sonst sollten wir auch anfangen.
Ich würde das aber nicht so materiell sehen, sondern v.a. innerlich: Was nutzt es der scheinbar kaputten Welt, wenn ich der Omi den Koffer runtertrage und mich dann innerlich schüttele und aufrege, wie die Alte nur so stinken kann.

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Hermione - 29/05/2016

Nahrungsmangel würde ich nicht als materielles, sondern als existenzielles Problem betrachten.

Und: was ist schlimm daran, wenn mir auffällt dass jemand unangenehm riecht? Solange ich das den Leuten nicht ins Gesicht sage (oder, wenn es angebracht ist, freundlich formuliert), ist es doch normal.

Das verstehe ich nicht so ganz. Du zeigst Verständnis für Leute, die gegen Rettungsfahrzeuge randalieren, gaffen – aber Gedanken über andere Menschen sind der Punkt, an dem wir anfangen sollten an uns zu arbeiten?

Vielleicht habe ich dich nach nur fünf Stunden Schlaf auch falsch verstanden, aber so wirkt es auf mich doch etwas willkürlich.

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Andi - 29/05/2016

Aggression gegen RTWs und aggressive Gedanken gegen Mitmenschen sind von der Art dasselbe, nämlich Angriff – wenn auch von spürbar unterschiedlicher Intensität.

Insofern ist der Gedankengang folgerichtig; „Verständnis“ stimmt insofern, als ich beides als Angriff und als negativ aber eben als menschlich einstufe – denn „wer frei ist von Sünde werfe den ersten Stein“.

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Hermione - 29/05/2016

Und essen nutzt: die Omi musste ihren Koffer nicht selber runtertragen und du hast ihr den Alltag damit enorm erleichtert. Vielleicht hast du sogar verhindert, dass sie auf der Treppe mit dem Koffer stürzt und sich eine Verletzung zuzieht, die dazu führen könnte dass sie das Krankenhaus nicht mehr verletzt.

Für mehr Alltagshelden! 😎

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4. Hermione - 28/05/2016

Ich find die Diskussion hier übrigens wahnsinnig spannend und möchte sie keinesfalls abwürgen. 🙂

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Andi - 28/05/2016

Sehr gut, ich finde die Diskussion übrigens auch spannend, und ich wüßte gerne, wo sie hinführt.
Akzeptanz und Nachvollziehen:
Ich glaube, Nachvollziehen können wir das Subtil-Geistige Anderer immer nur teilweise – und gerade deshalb sollten wir mit Bewertungen zurückhaltend sein: Wir können kein Urteil über einen Anderen fällen, weil wir nie alle Fakten kennen.
Akzeptanz würde ich gerne von Hermiones faden Beigeschmack ein Stück weit befreien, als ich sie eher so beschreibe: Akzeptanz ist der emotionsfreie, klare Blick des Chirurgen, der trotz des blutvollen Operationssitus Hand anlegt, wo er kann und darf – und wo dies nicht geht, verstellt ihm keine Emotion den Blick.

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5. Sie haben keine Sonderrechte! | rescue blog - 29/05/2016

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