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Werde ich Hausärztin? 26/07/2016

Posted by Hermione in Medizinstudium, Praktika.
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Meine Uni möchte, dass wir in der Vorklinik eine halbtägige Hospitation bei einem niedergelassenen Arzt durchführen.
Ich hingegen möchte definitiv keine eigene Praxis haben und war deswegen echt genervt von dieser Vorgabe. Aber naja, ein halber Tag geht ja Gottseidank schnell vorbei.

Mit einer “Bringen wir es hinter uns”-Einstellung hab ich mich also gestern hingesetzt mit dem Plan, die Arztpraxen in meinem Umfeld abzutelefonieren, um mir nen Platz zu organisieren. Das klappte schneller als gedacht, direkt von der ersten Arztpraxis (3 Minuten Fußweg ab Wohnzimmer, YESSS!) bekam ich die Zusage. Läuft.

Littmann Classic II S.E.

Heute Morgen, Motivation kaum messbar. 

Natürlich bin ich trotzdem pünktlich und eine seriöse Augenweide, freundlich, interessiert und offen und bla.
Der erste Eindruck der Praxis ist angenehm. Der Arzt ist auch sehr sympathisch und zeigt mir seine Praxis. Modernste Technik, darunter auch sinnvolle Sachen, die er quasi aus eigener Tasche finanziert, weil er das nicht abrechnen kann, auf die er aber nicht verzichten will, weil sie eine bessere Patientenversorgung ermöglichen.

Nach der ersten halben Stunde und dem ersten Patienten hatten wir ein bisschen Zeit, uns zu unterhalten, und ich fing an, die Hospitation nicht länger als lästige Pflicht, sondern als inspirierende und lehrreiche Erfahrung zu betrachten.

“Mein” Arzt hat sich nicht nur für seine Patienten sehr viel Zeit genommen, sondern auch für mich. Jeden einzelnen Patienten hat er hinterher mit mir durchgesprochen, ich durfte fragen was immer mich interessiert hat, ich hab bei einem Patienten bei dieser “Nachbesprechung” ne Differentialdiagnose in den Raum gestellt, der er unbedingt nachgehen möchte, und ich hab sehr ehrliche Antworten und Einblicke in die finanzielle Situation der Praxis bekommen.

“Wir” hatten einige sehr interessante Patienten und ich habe allein durch ihre Erkrankungen viel Input bekommen und einiges auf meiner Liste, das ich näher recherchieren möchte. Aber das mache ich auch im Job immer, wenn ich einen Arztbrief lesen darf. Alles notieren, was ich nicht kenne oder interessant finde, und dann später zu recherchieren und lernen, das Wissen erweitern.

Ganz anders war der Input, den mir der sehr tiefe Einblick in den Praxisalltag gegeben hat, trotz der Kürze der Zeit.

Ich hab berufsbedingt sehr häufig Einblicke ins Leben anderer Menschen und in den Berufsalltag anderer Gesundheitsberufe. Arztpraxen sind da aber tatsächlich sehr unterrepräsentiert. Entweder wir holen mit dem RTW einen Notfallpatienten ab, dann ist sowieso alles sehr hektisch und wenig “Alltag”, oder wir bringen mit dem KTW nen Patienten zu Sprechstunde, dann sind wir aber auch sofort wieder weg oder sitzen halt zehn Minuten im Wartezimmer und blättern in furchtbaren Klatschzeitschriften. Wenn ich selbst als Patientin bei meinem Hausarzt war, hatte ich zwar schon ein bisschen den “professionellen Blick” (den man nie so ganz abstellen kann, finde ich), aber dann war ich doch hauptsächlich mit meinen eigenen Sachen beschäftigt und hatte auch nicht die Motivation, darüber nachzudenken, wie hoch im Monat die Personalkosten sind und wieviel (oder wie wenig) er jetzt für meine Impfungen oder die Versorgung meines dritten Magengeschwürs bekommt.

Mein Fazit?

Ich kann mir immer noch auf keinen Fall vorstellen, mich niederzulassen, egal wieviele Poster in meiner Uni hängen und wie sehr alle versuchen, uns eine Hausarztpraxis schmackhaft zu machen.
Nicht, weil ich den Job “Hausärztin” langweilig fände. Überhaupt nicht. Ich bin nur einfach keine Betriebswirtschaftlerin. Ich habe ein großes moralisches Problem damit, dass die Gesundheitsversorgung nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten ausgerichtet ist. Ich finde, das darf nicht sein. Und mit einer eigenen Praxis wäre ich diejenige, die das Risiko alleine trägt.
Sehen wir den Tatsachen ins Auge: Ich hätte mich nach spätestens einem Jahr in den Ruin gewirtschaftet. 🙄 Dazu der ganze Verwaltungskram. Geh mir bloß weg damit.

Solange ein Arzt mit einem sehr guten Ruf und einer seit vielen Jahrzehnten bestehenden Praxis komplett auf Personal verzichten muss und alles alleine macht (auch das Putzen der Praxisräume nach Feierabend), um es sich leisten zu können, seine Patienten so zu versorgen, wie es seine Ethikvorstellungen von ihm fordern, so lange kann es Kampagnen in den Unis geben, soviel das Papier und die Kreativität hergibt, und so lange kann von Landarztquoten und einem verpflichtenden hausärztlichen PJ-Tertial die Rede sein, bis allen Studierenden die Ohren bluten.
So lange läuft was falsch in unserem Gesundheitssystem.

Lass dich nieder? Im Leben nicht.

Dennoch: Ich hatte einen tollen, lehrreichen und inspirierenden Tag, ich habe einen neuen Hausarzt gefunden, und ich habe in ihm auch jemanden gefunden, der meine umfangreiche Ferien-Hausaufgabe betreuen wird, die ich nächste Woche in Angriff nehme.

Ich dachte, diese Hospitation wäre reine Zeitverschwendung, aber das war sie überhaupt nicht.

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Kommentare»

1. angelsdevilblog - 26/07/2016

Ich muss im nächsten Semester auch 2x 8Std. hospitieren. Es wird leider nicht in einer Hausarztpraxis sein, sondern wir bekommen eine Liste wo wir uns bewerben können. In der Famulatur muss man einen Monat in eine Hausarztpraxis, soweit ich das mitbekommen habe. Das ist aber noch unendlich weit weg.

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Hermione - 26/07/2016

Ist da wenigstens eine Praxis dabei, die dir vom Fachbereich her zusagt?

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angelsdevilblog - 01/08/2016

Das weiß ich noch nicht, da die neue Liste noch nicht draußen ist fürs kommende Semester, aber schon die alte Liste war eher so määäh

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2. stellinchen - 26/07/2016

Klingt wirklich sehr interessant 🙂

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3. internistischespolytrauma - 28/07/2016

Das freut mich das du trotz allem einen guten Tag hattest 😀 Aber mir gehts genauso wie dir. Warte zwar noch auf meinen Studienplatz aber eine eigene Praxis kommt für mich nicht in Frage.

Eine gute Freundin von mir ist Tierärztliche Fachangestellte und von „ihrer“ Praxis hab ich genug mitbekommen um zu wissen das sowas Stress ist den ich mir nicht antun will.

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Hermione - 29/07/2016

Ja, das kann ich mir wirklich gar nicht vorstellen.
Hast du dich fürs Wintersemester beworben? Ich drück dir die Daumen für die Zusage in zehn Tagen. 🙂

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internistischespolytrauma - 31/07/2016

Ja hab ich, aber bin nicht sooo hoffnungsvoll. Hab „erst“ 10 Wartesemester, lerne also für den HamNat aber wenn ich mir so meinen bisherigen Erfolg beim Kreuzen angucke… Na ja, sonst nächstes Jahr 😅
Und danke fürs Daumendrücken 🙂
LG Cashay

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Hermione - 31/07/2016

Das musste ich jetzt erstmal googlen. 😀
Also sowas wie der TMS (hast du den auch gemacht?). Und ansonsten gibts ja immer noch Teilstudienplätze, nicht optimal, aber immerhin ein Fuß in der Tür. 🙂

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internistischespolytrauma - 09/08/2016

Späte Antwort (man merkt ich prokrastiniere 😂): Nein TMS hab ich bisher tatsächlich nicht gemacht. Warum kann ich dir ganz ehrlich gesagt nicht beantworten, hatte glaub ich immer zu viel Schiss davor. Wenn es dieses Jahr nix wird dann mach ich den aber auf jeden Fall.

Jap Teilstudienplatz oder sonst halt noch ein bisschen länger warten & arbeiten. Gibt schlimmeres 🙂

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Hermione - 09/08/2016

Seh ich genauso. Aber das wird. Ganz bestimmt. 😀

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4. RDPfleger - 28/07/2016

Das mit den Hausarztpraxen, der Wirtschaftlichkeit (=finanzielles Überleben) und der Moral ist ein großes Problem und es wird noch größer werden.

In dieser Notarzt-/RTH-Reportage in der es als „Ursache“ auch um den Landarztmangel geht, sieht man mittlerweile Gemeinschaftspraxen als GmbH mit Filialenetzen und den Ärzten als Angestellte.
So kann der Arzt / die Ärztin weiter arbeiten* und eine ärztliche Versorgung der Bevölkerung ist (wieder) weiter gewährleistet.
http://www.ardmediathek.de/tv/Die-Reportage/Helikopter-statt-Hausarzt/NDR-Fernsehen/Video?bcastId=3856484&documentId=36552328
*) ohne das Risiko und den Aufwand einer eigenen Praxis

Der Gründer dieser Praxen (selbst ein Hausarzt) hätte vor ein paar Jahren selbst nicht gedacht das er mal sowas machen würde.

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Hermione - 29/07/2016

Danke für den Link zur Reportage! Das ist ziemlich spannend.

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5. ednong - 07/08/2016

Den link zur Reportage hast du ja schon – ich fand das sich sehr spannend. Ich stimme dir aber zu, dass das mit der Wirtschaftlichkeit und fordern ganzen Zwängen und Limits bei der ärztlichen Versorgung nicht sein sollte und dürfte. Und das wird sicherlich noch schlimmer werden …

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6. A.F. - 19/08/2016

Hallo Hermione, habe deinen Blog vor kurzem sprich gestern entdeckt und lese mich gerade quer durch.
Zu diesem Beitrag muss ich auch meinen Senf dazu geben.
Ich kann deine moralischen bedenken durchaus nachvollziehen und auch das es dich abhält eine Praxis eröffnen zu wollen. Ich stimme dir auch zu, wenn es darum geht das Wirtschaftlichkeit nichts in der Medizin zu suchen haben sollte. Allerdings hast du aber auch das Arbeiten nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten in einer Klinik, genau wie den Verwaltungskram. In der Klinik ist der einzige Unterschied das du als Ärztin nicht so viel direkt damit zu tun haben wirst, zumindest was die Wirtschaftlichkeit angeht.
Wie löst du denn da für dich das gleiche moralische Dilemma?

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Hermione - 20/08/2016

Das werde ich sehen, wenn es soweit ist. Ich weiß, dass es in der Klinik nicht besser ist, und ich habe noch keine Lösung für das Dilemma – und ich weiß auch nicht, ob ich jemals eine haben werde. Aber ich hab es bisher sowohl im Rettungsdienst und Krankentransport (vor allem im Krankentransport, weil man sich da mehr Zeit nehmen kann) als auch in meiner kurzen Zeit im Krankenhaus geschafft, im kleinen Rahmen Menschlichkeit über Wirtschaftlichkeit zu stellen und mir die Freiheit genommen, meine Patienten nicht wie Transportgut oder Ansammlung von Krankheiten und Symptomen zu behandeln, sondern den Menschen dahinter nicht aus den Augen zu verlieren.
Das ist nicht viel, aber Händchenhalten wenn jemand Angst hat oder stirbt, oder sich während einer Verlegung die Geschichte des Patienten anzuhören und ihm das Gefühl zu geben, da zu sein, anstatt während der ganzen Fahrt aus dem Fenster zu sehen, das kostet alles nichts (außer Zeit) und gibt den Patienten mehr als es von einem selbst fordert.

Ich kann nicht die ganze Welt retten, aber ich kann dafür sorgen dass zumindest der kleine Bereich in meiner Reichweite ein kleines bisschen okayer wird.

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RDPfleger - 26/08/2016

Also ich kann nur von meinem Hausarzt berichten. Er nimmt sich Zeit für seine Patienten und – sofern nötig – lässt er sie auch alle paar Tage oder Wochen wiederkommen auch wenn er nur eine mickrig Pauschale pro Quartal bekommt. Auch so manche „IGEL“ bzw. reine Privatleistung rechnet er mit dem Patienten oft nicht ab. Es funktioniert und er nagt nicht am Hungertuch. Aber leicht ist es heutzutage sicherlich nicht. Als „Anfänger/in“ sicher noch weniger….

Auch bei meinem anderen Hausarzt (anderer Wohnort/Zweitwohnsitz) ist das genauso. Beide geben sogar gerne Hintergrunddienste/KCB-Dienste ab, um die sich andere Ärzte wg. Geldnot sogar prügeln. Laut dem Arzt liegt das aber nicht am Grund-Einkommen der Ärzte sondern eher am überdimensionierten Haus und der damit zusammenhängende Kredit den es abzustottern gilt.

Trotzdem bin ich der Meinung und habe den Eindruck das die Leistung egal ob in Praxis oder Krankenhaus an Verantwortung und Arbeit bzw. zugeteilter Arbeit (vom Arbeitgeber oder von den Kassen) nicht angemessen honoriert wird. Von kontinuierlich gestrichenen aber nötigen Überstunden mal ganz zu schweigen….

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7. peripher - 13/10/2016

Hallo, mein Name ist peripher und ich bin neu hier…. .__.

Ist das nicht immer von Praxis unterschiedlich? Ich bin zB. bei einem Internisten in Behandlung… sprich der darf sich mein Hausarzt nennen. Das ist ebenfalls ein guter bekannter. Da ich doch einiges an Medis im Monat verbrauche (asthma bronchiale) habe ich deswegen mal gefragt (also Mr. Hausarzt): Wie ist denn das mit dem Budget? Und er meinte in einer Gemeinschaftspraxis ist das vollkommen egal.

Du warst wahrscheinlich in einer Einzelpraxis?

mit freundlichen Grüßen, peripher.

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