jump to navigation

Seid froh, wenn ihr warten dürft! 12/08/2016

Posted by Hermione in Fundstücke, Notaufnahme, Rettungsdienst, so bitte nicht.
Tags: , , , ,
trackback

Wer hat sie noch nicht gelesen, die Geschichte der Kinderkrankenschwester aus der Notaufnahme?
Alle paar Tage (manchmal auch mehrmals am Tag) wird sie mir auf Facebook und/oder Twitter geschickt, und ich habe so langsam das Bedürfnis, mich dazu zu äußern.

Hier ist übrigens der Link zu dem Artikel auf Spiegel online.

Ich hoffe, dass noch viel mehr Leute als bisher schon mit dieser Geschichte konfrontiert werden und darüber nachdenken.
Die Kinderkrankenschwester, die den Text geschrieben hat, hat nämlich sowas von Recht!

Wie ihr wisst, arbeite ich nur noch gelegentlich im Rettungsdienst, seit ich studieren darf. Wenn ihr mich schon länger lest, wisst ihr aber auch, dass ich davor schon einige, man möchte sogar sagen, viele Jahre hauptamtlich gerettet habe und deswegen einen ganz besonders tiefen Einblick darin habe, was manche Menschen so als „Notfall“ betrachten, wenn es um sie selbst geht, und wie sie die (oft schlimmere) medizinische Situation anderer Patienten kleinreden, um sich selbst als den dringenderen Fall darzustellen.

Ich habe über viele ähnliche Situationen gebloggt und noch mehr davon erlebt.

Wie oft haben Menschen mit … naja, nicht notfallmäßigen Schmerzen gewartet, bis es Abend oder Nacht wurde, oder bis zum Wochenende gewartet, um sich den Rettungsdienst zu rufen, weil da in der Notaufnahme weniger los ist und sie nicht so lange warten müssen wie unter der Woche beim Facharzt.
Patienten, die von ihrer Wohnung zum RTW gelaufen sind und darauf bestanden haben, sitzend ins Krankenhaus gebracht zu werden, dann vor der Notaufnahme aber doch auf die Trage wollten, damit sie schneller drankommen weil es ernster aussieht.

Menschen, die den Rettungswagen gerufen haben, weil sie angetrunken waren und sich kein Taxi nach Hause leisten wollten.

Leute, die sich für nen gebrochenen Finger den Rettungswagen rufen, während der ganzen Fahrt ins Krankenhaus rumblödeln, und vorm Krankenhaus von den Kumpels begrüßt werden, die uns im eigenen PKW lachend hinterhergefahren sind.

Wie oft wurden wir schon in der Notaufnahme von den wartenden Patienten angepöbelt, weil wir uns mit unserem Notfallpatienten „vordrängeln“, während sie schon seit über ner Stunde hier sitzen und warten müssen?

Damals in der Ausbildung, in meinem allerersten Krankenhauspraktikum in der Notaufnahme, hat eine Patientin (die dort zur BG-Sprechstunde war) den eintreffenden Rettungsdienst, eine Krankenschwester und mich angemeckert, warum die die neuen Patienten unbedingt in dieses Krankenhaus bringen müssten, die Wartezimmer in der Notaufnahme wären ja schon voll und außerdem wäre ja gerade BG-Sprechstunde, da müsse man ja Rücksicht drauf nehmen. Die sollen die Patienten doch gefälligst in ein anderes Krankenhaus bringen.

(Damals dachte ich übrigens noch, dass das eine besonders absurde Situation war. Wie naiv von mir. Sowas ähnliches erlebt man eigentlich mindestens einmal am Tag.)

Wie oft wurden wir aus Bequemlichkeit gerufen?

Wunderschön auch der Abend, als wir zu einer Verstopfung gerufen wurden und von uns ein Abführmittel verlangt wurde.

Warum kommt es immer noch vor, dass Leute der Leitstelle etwas von Atemnot oder Schmerzen in der Brust vorlügen, weil irgendein Vollidiot ihnen mal den Tipp gegeben hat, dass dann der Notarzt direkt mitalarmiert wird und sie besser behandelt werden?

Wenn ALLE einfach mal von ihrem Egotrip runterkommen könnten und sich bewusst machen, dass Rettungsdienst und Notaufnahme keine Serviceangebote sind, um Leuten ein kostenloses Taxi und wartefreie medizinische Grundversorgung zu jeder Tages- und Nachtzeit zur Verfügung zu stellen, wäre den wirklichen Notfallpatienten schon sehr geholfen.

Besser neunundneunzig Mal zu viel als einmal zu wenig, ne? Nee.

Advertisements

Kommentare»

1. BRC_MEDIC - 12/08/2016

Zu allen Punkten: Ja.

Und ich denke das ist weltweit so. Fuer manche Ego’s braucht man aber noch einen Tieflader wenn es mit soll ….

Gefällt 1 Person

Hermione - 12/08/2016

Traurig. Vielleicht hilft es ja, sich zu sagen „Wenn ich irgendwann wirklich Hilfe brauche“, bekomme ich keine, weil Menschen mit eingewachsenen Zehennägeln sich als Notfall betrachten“. Als Mantra, um den RTW nicht wegen Zahnschmerzen zu rufen.

Gefällt mir

2. Bastian - 12/08/2016

Bei meiner letzten Fahrt mit einem RTW kam ich mir auch irgendwie blöd vor.
Eines abends was ich ganz gemütlich mit dem Bus auf dem Weg ins Hotel. Unterwegs fängt es an im Bauch zu ziehen. Irgendwann wurde es nicht mehr ignorierbar und als ich im Zimmer war wurden die Schmerzen unerträglich. Also umgedreht und die Person an der Rezeption gebeten mir den Rettungsdienst zu rufen. Sitzen ging nicht, stehen ging nicht und liegen auch nicht wirklich. So ging es halt bis nach unendlicher Zeit ein Blaulicht von draußen herein lugte. Einer war unterwegs um die Retter einzuweisen und auf einmal waren die Schmerzen weg, nichts war mehr davon da.
Ich hab sie dann gebeten mich doch mitzunehmen. Aber irgendwie kam ich mir schön blöd vor, Sitzendtransport im RTW weil da nix mehr ist.
Und beim Rausschmiss hat die Aufnahmeschwester auch noch komisch geschaut als ich wissen wollte, wo ich eigentlich gerade sei.

Gefällt mir

3. Julia - 08/09/2016

Natürlich hat die gute Dame Recht! Wie oft habe ich selbst schon mitbekommen, dass Patienten sich über Krankenhaus XYZ beschweren, weil Schwester A Patienten 2 viel eher dran genommen hat als Patient 1, obwohl dieser doch schon seit zwei Stunden wartet, Patient 2 aber gerad erst durch die automatisch öffnende Glastür gegangen ist! Ist doch vollkommen egal, dass das um seine Hand gewickelte, dreckige Geschirrtuch schon triefte vor Blut!

Egoismus ist heutzutage Standard. Sicher ist ein gewisses Maß dessen nicht verkehrt, die Notaufnahme ist aber einfach die falsche Stelle dafür. Jeder ist sich selbst am nächsten, Missgunst ist alltäglich.

Ein Auge zudrücken kann ich da sicherlich noch bei jenen, die aus Unwissenheit und schierer Angst in die Notaufnahme kommen. Bauchschmerzen wirken auf manche bereits sehr bedrohlich, obwohl es nur Blähungen sind, während die Schwelle dafür bei anderen zu niedrig liegt. „Ich wollte Ihnen keine Umstände bereiten!“

Schade, dass sich die Kenntnisse über den eigenen Körper oft darauf beschränken zu wissen, wie viele Finger an eine Hand gehören. Da muss einfach mehr aufgeklärt werden. Schade auch, dass man den Egoismus anderer Menschen nicht abstellen kann.

Gefällt mir

Hermione - 08/09/2016

Ja, und es sind oft die wirklich schwer Verletzten, die „nur keine Umstände bereiten“ wollen und sich tausendmal dafür entschuldigen, dass man sich jetzt um sie kümmern muss.
In meinem ersten Notaufnahmenpraktikum damals in der Ausbildung hatten wir eine Patientin, die sich beim Rasenmähen (oder war es beim Heckenschneiden) wirklich schwer an der Hand verletzt hat, und die wollte sich vom Nachbarn auch nicht den Rettungsdienst rufen lassen (obwohl das echt ne gute Idee gewesen wäre!) und sich von ihm auch nicht ins Krankenhaus fahren lassen, einfach weil sie keine Umstände machen wollte. Sie ist dann selbst gefahren und unterwegs ist ihr vor Blutverlust, Schmerzen und Stress mehrfach schwarz vor Augen geworden. Sie hätte sterben oder andere töten können dabei…

Aber ein Bürschchen mit eingeklemmtem Finger kann sich dafür grinsend den Rettungsdienst rufen und findet auch nix dabei. Dafür sind wir ja alle da, ne? -.-

Gefällt mir

4. gedankenknick - 25/09/2016

Ich habe bisher 4x nen Rettungswagen gerufen:
1x auf Arbeit, weil ich jemanden, der sich nen 150cm² Hautlappen vom Schienbein gehobelt hatte, nicht nach Hause lassen wollte mit einem selbst gekauftem Pflaster
1x auf Arbeit, weil ich einen angetrunkenen älteren Mann mit einer ca. 4cm eingerissenen Lippe nicht auf seine Obdachlosen-Strecke zurücklassen wollte.
1x „privat“, weil eine gestürzte ältere Dame mit ca. 5cm Platzwunde am Kopf von mir nur hätte sinnlos ambulant versorgt werden können am Samstag nachmittag, ich sie aber nicht hätte auf Gehirnerschütterung checken können und ich sie auch nicht privat transportieren konnte (recht gewichtig, kaum mehr selbst gehfähig in diesem Moment).
1x „privat“, weil ich die Herzallerliebste mit Bandscheibenvorfall vielleicht ins Privatauto reingesetzt bekommen hätte, aber keine Idee dazu hatte, wie ich sie an der Notaufnahme da wieder aus dem recht tiiefen Sportsitz raushebeln hätte sollen.
Habe bisher nie gesagt bekommen, dass das nen (Ein)Satz mit X war. 😀

Im Gegenzug habe ich schon 3 Leute selbst zur Notaufnahme gefahren, weil ich entscheiden konnte, dass das Problem nicht so schlimm ist, dass ich das nicht selbst in den Griff bekomme. (ein mir bekanntes verdrehtes Knie – meine Eisbeutel-Erstversorgung hat wohl angeblich Erstaunen beim Notfallteam ausgeköst, eine transportfähige mir verwandte Kopfpklatzwunde, und ein (mir sonst unbekanntes) Pärchen, nachdem die sich gegenseitig auf die Fresse gehauen hatten.)

Würden nur alle Leute mal §1 StVO auf den Rest des Lebens anwenden, wäre das Leben aller Leute viel entspannter. Aber manchmal denke ich, dies wollen viele Leute gar nicht…

Gefällt mir

Hermione - 26/09/2016

Die meisten wenden den ja nicht einmal beim Autofahren an… ^^

Gefällt mir

gedankenknick - 26/09/2016

Eigentlich schon schade… naja.

Gefällt 1 Person


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: