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Adventskalender: 11. Türchen. Wartezeit in der Notaufnahme reloaded. [Themenmonat Empathie] 11/12/2016

Posted by Hermione in "Ich erklär das mal kurz...", Adventskalender, Alltag, Krankenhaus, Notaufnahme, Rettungsdienst, so bitte nicht.
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Es gibt anscheinend Klärungsbedarf zu meinem Adventskalender gestern. Gern.

Offensichtlich haben einige den Artikel gestern nicht richtig verstanden. Deswegen nochmal die Kernaussage in einfacher Sprache:

Es ist nicht schön, wenn man in der Notaufnahme lange warten muss. Das weiß ich. Ich habe auch Mitleid mit den Menschen, die in der Notaufnahme lange warten müssen. Aber ich kann nichts dafür. Und ich drängel mich mit meinen Notfallpatienten auch nicht vor. Es macht mich jedoch wütend, wenn ich dann von den Wartenden angepöbelt werde. Da hört mein Verständnis auf.
Bitte versetzt euch kurz in unsere Lage.

„ICH ALS PATIENT MUSS MICH GAR NICHTS!“

Okay. Wow. So viele Emotionen, ausgelöst durch einen falsch verstandenen Blogeintrag.

Leute, ich mach den Job nicht erst seit gestern. Ich weiß, wie es in den Notaufnahmen aussieht und dass die Wartezeiten extrem sind. Das finde ich ja auch scheiße, und das nicht nur, wenn ich selbst mal als Patientin in der Notaufnahme bin (und wer mich schon länger verfolgt, weiß dass ich das öfter mal bin).

Was ich aber noch viel mehr scheiße finde, ist, dass ich jedes Mal, wenn ich am Wochenende abends mit einem Notfallpatienten in die Notaufnahme eines Krankenhauses der Maximalversorgung komme, von mindestens zwei wartenden Patienten dumm angemacht werde.

„Jetzt bringen die noch einen! Geht doch woanders hin mit dem, hier sind schon zu viele“
„Wir warten schon seit drei Stunden!“
„Ihr drängelt euch jetzt aber nicht schon wieder vor!“
„Nächstes Mal ruf ich mir auch nen Krankenwagen!“
und natürlich diverse Beleidigungen und Androhungen körperlicher Gewalt.

Wie gesagt, ich verstehe dass es scheiße ist, stundenlang warten zu müssen. Aber ich kann nichts dafür, mein Notfallpatient kann nichts dafür, und – ach, klären wir doch vielleicht mal das mit der Dringlichkeit zuerst.

Nehmen wir als Beispiel doch eine Nierenkolik. Mir wurde gestern ja auch sehr überhitzt vorgeworfen, dass es nicht okay wär, wenn der Patient vom Rettungsdienst eher drankommt als der wartende Patient mit der Nierenkolik, und dass es deswegen okay wäre, wenn der Nierencholeriker Patient mit der Nierenkolik seinem Ärger Luft macht.

Das Beispiel trifft sich sogar hervorragend. Wer mich schon seit dem Sommer kennt, hat auch meinen Nierenstein mitdurchlitten. Ich weiß, was für Schmerzen das sind. Und ich musste den Stein unvernünftig lange ertragen, weil ich durch die Uni keine Zeit hatte, mich damit zum Arzt zu schleppen. War die Hölle, aber aushaltbar. (Ja, diese Kategorie Schmerz gibt es. Frauen wissen, was noch dort einzuordnen ist.)
Trotzdem wäre ich nie auf die Idee gekommen, andere, an meinem Nierenstein UNBETEILIGTE Menschen, die im Umfeld der Notaufnahme arbeiten, anzupöbeln, weil andere zuerst drankommen.

„ES IST ABER AUCH NICHT OKAY, DEN WARTENDEN PATIENTEN MIT DER NIERENKOLIK ANZUPÖBELN!“

Nein, da hast du Recht, das ist nicht okay. Das habe ich aber auch nicht gemacht, und auch sonst niemand.
Ich habe in meinem Beitrag gestern davon berichtet, dass ich es leid bin, in der Notaufnahme ständig von Wartenden angepöbelt zu werden. Ich kann nichts dafür, dass sie warten müssen.
Und auch die unschöne Diskussion gestern ging nicht von mir aus. Du hast mich sehr ungehalten angeschrieben und mir vorgeworfen, dass du mit deiner Nierenkolik lange warten musstest. Ich habe dich nicht angepöbelt.
Aber du wirkst auf mich wie jemand, der sich gern ungerecht behandelt fühlt und Texte bewusst falsch versteht, um sich dann aufregen zu können. Da spiele ich aber nicht mit, dafür ist mir meine Zeit zu schade.

Die Wartezeit in Notaufnahmen ist scheiße, keine Frage.
Es geht nicht nach „wer war zuerst da“, sondern nach „bei wem ist es am dringendsten“. Und außerdem auch noch nach „welcher Fachrichtung ist das zuzuordnen“.
Natürlich empfindet jeder immer sein eigenes Leid als das schlimmste. Das ist normal. Deswegen gibt es Menschen in der Notaufnahme, die wissen, wie die Wartenden einzuteilen sind und wer in welcher Reihenfolge drankommt.
Alle gleichzeitig behandeln geht nicht. Wer will mit nem gebrochenen Handgelenk von nem Urologen behandelt werden? Und der Herr mit den Bauchschmerzen seit drei Tagen möchte also zum Gynäkologen? Nein.

Es würde schon helfen, wenn viele Menschen es sich abgewöhnen würden, mit jedem quersitzenden Pups in die Notaufnahme zu gehen. (Oder den Rettungsdienst zu rufen.)
Ja, am Wochenende hat man keine Möglichkeit mehr, damit zum Haus- oder Facharzt zu gehen, aber viele schleppen ihr Problem seit Tagen und Wochen mit sich und entscheiden dann Samstagabend, dass es jetzt Zeit ist daran was zu ändern. Oder haben etwas, das noch bis Montag warten könnte.
Wenn die Notaufnahme nicht mehr als „Sprechstunde außerhalb der üblichen Sprechstundenzeiten“ genutzt werden würde, würde es für alle Patienten viel schneller gehen.

Ich kann nichts dafür, dass die Notaufnahme voll ist, die Schwester und der Pfleger, bei denen ihr euch alle paar Minuten beschwert dass es so lange dauert und fragt, wie lange ihr noch warten müsst, können nichts dafür – und das ist schon wieder so ein gutes Stichwort.

Von einem anderen Diskussionsteilnehmer kam der Hinweis, dass man sich ja bei den Schwestern beschweren müsse, weil die in dem Moment die zuständigen Ansprechpartner wären und das an die Klinikleitung weiterleiten könnten.

Es ist natürlich sehr zielführendes Verhalten, sich bei der Pflege zu beschweren. Es erleichtert denen nämlich ungemein die Arbeit, wenn sich alle zwanzig Minuten jemand wegen der zu langen Wartezeit beschwert.
Die richtigen Ansprechpartner sind die sowieso. Jedes Kind weiß doch, dass die Pflege richtig ernst genommen wird und dass Rückmeldungen aus der Pflege besonders beachtet werden. Deswegen sind die Stationen auch nie unterbesetzt.

Versuchen wir es mal ernsthaft. Es bringt überhaupt nichts, die Pflegekräfte darauf aufmerksam zu machen, dass die Notaufnahme zu voll und die Wartezeiten zu lang sind. Das kriegen die selber mit. Die können aber auch nichts daran ändern.
Es ist für alle nur noch unangenehmer und noch stressiger und nerviger, wenn jemand dauernd genervt aufstöhnt, demonstrativ auf die Uhr guckt und sich alle paar Minuten beschwert. Das hält die Pflege darüber hinaus auch von der Arbeit ab. Und es trifft wie bereits erwähnt nen Unschuldigen. Egal, wen vom Personal ihr euch aussucht, um euer Mütchen zu kühlen und euren Frust abzulassen.
Es ist scheiße, lange zu warten, und wir alle besitzen die nötige Empathie uns in euch hineinzufühlen und nachzuempfinden, wie sehr euch das stundenlange Warten stresst, aber wir können nichts daran ändern.

Empathie bedeutet nicht, jemandem der Druck und Stress macht seinen Willen zu geben, und ihn schneller ins Behandlungszimmer zu rufen.

(Nach der Diskussion gestern wurde mir natürlich auch vorgeworfen, empathielos zu sein. Gut, wenn du meinst. Dann hast du aber nur einen Satz gelesen und bist dann direkt an die Decke gegangen.)

Auch nicht absichtlich macht es der Notfallpatient, wenn er zuerst drankommt. Also der mit nem richtigen Notfall. Schmerzen bringen niemanden um, ein Schädeltrauma oder Herzstillstand aber schon. Deswegen kommt es vor, dass manche Patienten direkt drankommen und andere warten müssen. Bitte habt doch auch Verständnis dafür, dass die (Verdachts-)Diagnosen anderer Patienten nicht an die Wartenden mitgeteilt werden, nur damit ihr einschätzen könnt ob es pure Boshaftigkeit ist, dass jemand anders zuerst drankommt oder nicht.

Niemand drängelt sich in der Notaufnahme vor. Die Notaufnahme funktioniert genau so. Die Notaufnahme ist keine Wursttheke, an der jeder ne Nummer zieht.

Also, als versöhnlichen Abschluss noch einmal:
Ich verstehe, dass es frustrierend ist zu warten. Es ist aber nicht okay, den Rettungsdienst zu beschimpfen, wenn sie den Patienten sofort ins Behandlungszimmer bringen.

Ihr beneidet in dem Moment einen Patienten, der möglicherweise so schwer krank oder verletzt ist, dass er ohne sofortige Hilfe nicht oder nur mit sehr schweren Folgeschäden überleben wird.

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Kommentare»

1. Jana - 11/12/2016

Ich hab da mal eine Frage, die nur mäßig viel mit dem Beitrag zu tun hat: Du schreibst ja, dass viele die Notaufnahme mit einer erweiterten Sprechstunde verwechseln. Wie ist dass den mit dem kassenärztlichen Notdienst? (Den gibt es ja zumindest in manchen Krankenhäusern parallel zur Notaufnahme) … Ist der denn der richtige Ansprechpartner für „irgendwie ist es schlimm, alle Ärzte haben zu, aber eigentlich ist es kein Fall für die Notaufnahme“?

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Hermione - 11/12/2016

Ja, der Notdienst ist da der Ansprechpartner (und viele verwechseln das dann leider mit dem Rettungsdienst und rufen uns)

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2. semilocon - 11/12/2016

Ich hatte den Fall mal, dass mein Zahn kaputt war und sich in ihm drin Eiter sammelte, sodass ich tatsächlich mal am Sonntag zum Zahnnotdienst gehen musste. War ne interessante Lernerfahrung, denn so lange lebte ich damals noch nicht in der Stadt, wo ich gerade wohne. Also hab ich mal den Unimedizin-Campus n bisschen kennen gelernt. Gewartet hab ich nichtmal so lange, es war alles sehr gut verteilt. Die Leute wurden an einer Vortheke (so nenne ich das jetzt mal) gefragt, wieso sie hier sind und dann auf die einzelnen Stationen verteilt. So verhinderten die wohl auch zu stark gefüllte Wartezimmer. Wenn die anderen nicht sehen, wie viele noch warten, dann können sie sich auch nicht über volle Wartezimmer beschweren 😀

Ich hab allerdings auch generell wenig Probleme mit Warten, weil es doch immer was zu gucken oder entdecken gibt (ich bin Autistin und verfüge über einen sehr schwachen Reizfilter, so dass mich Details in meiner Umgebung auch leicht fesseln können). Wenn das Interesse an der neuen Umgebung nachgelassen hat, guck ich halt auf mein Smartphone. Und ja, ich hatte auch Schmerzen durch den Zahn und mein Gesicht war ja geschwollen, aber sich aufregen hätte daran ja auch nichts geändert, also wozu überhaupt die Energie aufwenden? 😀

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3. Schrokim - 11/12/2016

Ich bin im September auf eigenen Beinen in die Notaufnahme, hatte innerhalb weniger Minuten das berühmte Bändchen ums Handgelenk und kam vor allen Wartenden dran. Die Meute hat mich beschimpft und beleidigt. Man sieht, die lassen ihre unangebrachte Wut an jedem aus.

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4. turtle of doom - 11/12/2016

Als ich mal mit völlig taubem Gesicht in der Notaufnahme war, musste ich warten. Da waren zwei Betrunkene vor mir dran – der eine schlief im Wartesaal, halb auf dem Stuhl, halb auf dem Boden liegend.

Der andere Betrunkene wurde schon vom Arzt angeschaut, aber wanderte herum, brüllte „Wann gehts weiter??? Wo ist der verdammte Arzt?“

Ich weiss, mein Problem ist sehr wahrscheinlich nicht lebensbedrohlich, aber es trat zum ersten Mal auf und war dement-sprechend unheimlich. Trotzdem ärgerte ich mich über diese zwei anderen Leute.

Nebenbei, ich kenne eine Ärztin, die häufig Dienst auf der Notfallstation schiebt. Dass sie vorher Polizistin war, kommt ihr da sehr zugute. Da weiss sie, wie einerseits eine Situation mit Empathie deeskaliert, und andererseits auch eine vorlaute Person zum Zwerg machen kann…

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5. Julian - 11/12/2016

Ich hätte (trotz Pflegepraktikum) nicht gedacht, dass man so häufig angepöbelt wird, erst Recht nicht, wenn man ja „nur“ als RD rein- und rausspaziert, während das Pflegepersonal dauerhaft da ist.

Ich hab selbst mal als Patient mitbekommen, wie sich eine Frau mit tiefer Schnittwunde mit Servietten aus der benachbarten Kantine selbst versorgen musste, weil einfach zu wenig Personal da war und zusätzlich noch ein Notfall reinkam. Aber für die Verwaltung zählt wahrscheinlich nur die Fallzahl, nicht wie lange so ein fast-Notfall gewartet hat. Pöbeln muss man trotzdem nicht.

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6. Jan K. - 11/12/2016

Ich versteh diese Aggressionen auch nicht. Ich war Anfang letztes Jahr auch Sonntagmittag mit einer nicht mehr aushaltbaren Nierenkolik in der Notaufnahme (übrigens selbst mit der Straba dorthin gefahren). Die Pfleger haben mich dann so lange mit Schmerzmittel vollgepumpt bis der diensthabende Urologe Zeit hatte. Hätte unangenehm sein können, aber seit dem Tag hab ich echte Hochachtung vor der Organisiertheit der Mitarbeiter der Notaufnahme.

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7. Änschie - 11/12/2016

Ich hatte in der Famulatur mal den Fall, dass Eltern unter der Woche unter Mittag mit ihrem Kind kamen. Auf Nachfrage warum sie in die Notaufnahme kämen (nachdem sie sich natürlich beschwerten dass sie 45 Minuten mit Kind warten mussten), dass ja der Kinderarzt erst wieder 15 Uhr aufmache und da müsse man ja immer so lange warten, das sei ja unter der Woche eher selten der Fall. Da muss man selbst erst mal tief Luft holen.
Aber ja ich habe Verständnis für Unmut, aber nicht für Aggressionen oder Pöbelei. Bin da also ganz bei dir 🙂
Schönen dritten Advent.

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8. oliverschmidtamb - 11/12/2016

Werde den Blog trotz Twitter-Block weiterlesen. Finde ihn nämlich echt gut.
Und nur zur Klarstellung: Natürlich ist es falsch, das Personal anzupöbeln und evtl. noch an der Arbeit zu hindern, die so schon hart genug ist. Mach bitte weiter so und alles Gute auf deinem Weg.
Beste Grüße
Der „Nierencholeriker“
P.S. Meine Freundin hat sich totgelacht. 😀

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Hermione - 11/12/2016

Komisch, denn in den Replies, die du mir seit gestern auf Twitter zukommen lassen hast, hast du mehrfach erwähnt wie empathielos ich bin, dass ich meinen Blog nur dazu nutze um über Patienten zu lästern und dass es dein gutes Recht ist, dich lautstark beim Personal zu beschweren. Deine Nachrichten haben sehr deutlich gezeigt, dass du meine Artikel weder richtig gelesen hast noch an einer ernsthaften Diskussion interessiert bist.
Deswegen habe ich dich auch geblockt, weil ich wirklich kein Interesse habe, meine Zeit mit Menschen zu verschwenden die meine Aussagen verdrehen, um stänkern zu können.
Du darfst diesen Blog gern weiterlesen, aber deine Kommentare werde ich moderieren, um weiteren Eskalationen deinerseits wie auf Twitter keine Bühne zu bieten. Und du wirst sicher verstehen, dass ich den Link zu deinem Blog entfernt habe. Mich erst beleidigen und dann Traffic absahnen wollen, da spiele ich nicht mit.

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9. Notaufnahmeschwester - 11/12/2016

Den Satz mit der Wursttheke merke ich mir. 🙂 ganz wunderbar! ❤

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Hermione - 11/12/2016

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