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Chefsache. 03/01/2017

Posted by Hermione in Kollegen, Krankentransport.
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Ich hab mich in den letzten Tagen viel mit den Kollegen darüber unterhalten, wie sie momentan die Stimmung einschätzen würden, und fast alle waren sich mal wieder einig.
Unser Chef spielt immer noch seine blöden Spielchen, wenn er jemanden nicht mag oder der Meinung ist, dass jemand sich zu oft krankmeldet.

Da wird kurz vor Ende der Probezeit nochmal richtig Druck gemacht („Momentan würde ich Sie nicht weiter beschäftigen wollen, aber sie haben ja noch ein paar Wochen, einen besseren Eindruck zu hinterlassen.“), um die Mitarbeiter dazu zu bringen, Überstunden und Zusatzdienste zu machen, in KTW-Schichten besonders flott zu arbeiten um viele Patienten zu „schaffen“ (wir arbeiten doch nicht mit Paketgut, sondern mit Menschen!) und selbstverständlich schon zwanzig Minuten vor Dienstbeginn umgezogen zu sein, das Fahrzeug gecheckt zu haben und dann auch zehn Minuten vor Dienstbeginn den ersten Einsatz zu fahren. Klar, vor Dienstbeginn ist das ja dann Überzeit, die nicht bezahlt wird.

Ich kann verstehen, dass niemand gern den Job verlieren möchte. Und es sind sicher auch einige dabei, denen es schwerfallen dürfte, schnell woanders was zu finden.
Aber grundsätzlich verstehe ich nicht, warum man bei diesen Spielchen mitmacht.

Als mir, kurz bevor mein erster befristeter Vertrag ausgelaufen ist, gesagt wurde „Ich bin mir unschlüssig, ob ich Ihnen einen zweiten Vertrag geben soll. Wollen wir uns die Frau Rescue wirklich für ein weiteres Jahr ans Bein binden?“ hab ich gelacht und gesagt, dass es ein ziemlicher Verlust für die Wache wäre, wenn ich woanders anfangen würde. Hat dem Chef gar nicht gefallen, dass er mich gar nicht in die Verzweiflung treiben konnte, die bei anderen immer zu besonders übermotivierter Arbeitseinstellung führt.

Es mag arrogant klingen, aber ich wusste, dass ich innerhalb weniger Wochen was neues gefunden hätte. Und ich wusste auch, dass es eigentlich keine Gründe gibt, die gegen meine weitere Anstellung sprechen – ich bin so gut wie immer pünktlich, melde mich nur krank wenn ich wirklich krank bin (und das war genau einmal), ich biete eine positive Außenwirkung und ich mach meine Arbeit gut.
Und bevor ich bei einem Arbeitgeber bleibe, bei dem eine ganz andere Arbeitshaltung erwartet wird, als ich an den Tag lege, geh ich lieber. Ich kann mir Mühe geben Erwartungen zu erfüllen, aber ich will mich nicht dauerhaft verstellen und gegen meine eigenen Überzeugungen handeln.

Ich möchte nicht dazu gezwungen werden, auf dem KTW 20% schneller zu arbeiten. Klar wär das möglich, aber wäre das noch menschlich? Bei der Aufnahme des Patienten unter Zeitdruck zu arbeiten, sich nicht den Moment nehmen noch Fragen zu beantworten oder bei der Entlassung den Moment geben, sich von den Zimmernachbarn zu verabschieden? Wie ein Vollidiot durch die Stadt heizen, auch wenn man genau weiß wie sich Schlaglöcher und zu schnell genommene Kurven hinten im KTW anfühlen? Patienten zuhause (oder im Altenheim, Krankenhaus, der Dialysepraxis) abzukippen und sich dann schnell verpissen, ohne noch tschüß zu sagen, alles Gute zu wünschen und den Patienten auch mal ausreden zu lassen?

Klar, dafür zahlen die Krankenkassen nicht. Jede Minute, die ich länger als nötig mit einem Patienten verbringe, summiert sich im Laufe der Woche auf zu einem bezahlten Transport, den ich weniger machen konnte und führt somit auch zu weniger Geld für meinen Arbeitgeber.

Aber will ich das? Natürlich nicht.

Ich will mich so um meine Patienten kümmern, wie ich es für richtig und vertretbar halte. Und wenn ich nach nem Heimtransport noch kurz das Foto vom Enkelkind angucken möchte, über das mir die ganze Fahrt über stolz berichtet wurde, dann mach ich das auch.

Leider ist beim Chef noch nicht so ganz angekommen, dass es im Zweifel mehr wert ist, durch eine menschliche Behandlung einen so guten Eindruck zu hinterlassen, dass man dadurch einen neuen „Stammkunden“ gewinnt, als durch schnellschnellschnell eine bis zwei Fahrten mehr am Tag zu machen.

Vielleicht lernt er es noch.

Wie ist das denn bei euch? Also, ich rede jetzt explizit vom Krankentransport, auf den Rettungsdienst lässt sich das nicht wirklich übertragen (finde ich).

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Kommentare»

1. Jan K. - 03/01/2017

Ich hab mit dem pflegenden und rettenden Gewerbe nichts am Hut, möchte aber gern meinen Mathelehrer in unserer letzten Stunde vorm Abi zitieren: „Bitte denkt immer daran, wer ihr seid und lasst euch in eurem Beruf nicht zu einem Arschloch formen. Davon gibt es schon zu viele.“ Und ich finde das passt total zu deinem Post. Was ich damit sagen will: Bleib weiter wie du bist. So bist du nämlich genau richtig.

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Hermione - 03/01/2017

Tolle Worte, und sehr passend! Dankeschön!

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2. Supra - 03/01/2017

Ich finde deine Einstellung gut. Mittlerweile sollte kein Chef denken, dass er mit seinen Drohungen Druck machen könnte.
Ich finde es schade, dass welche das Spiel mitziehen und sich noch mehr ausnutzen lassen.
Ich bin mir sicher, dass der Chef jemanden wie dich braucht und er wird alles darum geben, dich zu behalten. Bleib dran, du bist es nicht wert, hin und her geschubst zu werden (genauso wie alle anderen auch).
Liebe Grüße von Supra (die sich auch IMMER Zeit nimmt, egal, was gesagt wird.)

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Hermione - 03/01/2017

Ach, ich bin safe, ich hab inzwischen nen unbefristeten Vertrag. 😀
Aber genau mit solchen Spielchen kommt er bei vielen Leuten durch, und das Schlimme ist: mehr als die Hälfte von denen, die sich so unter Druck setzen ließen, werden dann trotzdem am letzten Tag der Probezeit gekündigt oder erfahren am letzten Tag der Vertragslaufzeit, dass sie doch nicht verlängert werden. Was der Chef erhofft: dadurch die anderen unter Druck zu setzen, damit die sich noch mehr Mühe geben. Was er erreicht: das Gegenteil. Die, die es betrifft, denken nämlich eher, dass es sowieso nicht klappen wird und bekommen dann eine gewisse Scheißegal-Einstellung (die auch nicht gerade geil ist, wenn man im Team arbeitet).

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3. Miki - 03/01/2017

Den Spruch merke ich mir, Jan! 🙂
Und wenn dein Chef so weiter macht, hat er auch irgendwann nur Arschlöcher. Arme Arschlöcher teils, die sich einfach nicht trauen, ihm die Stirn zu bieten (wie du) und doofe Arschlöcher, denen komplett egal ist, wie der Endkunde sich fühlt, Hauptsache er macht wie angewiesen, oder spart Zeit raus… Ich sehe aber auch Arschlöcher (ich bleib jetzt einfach mal dabei) die schlecht mit ihren Kunden umgehen, um einfach noch ne Kippe dazwischen zu schieben.
Und die Kunden sind ja oft die ärmsten Würste, wenn sie da zur Therapie, Chemo oder sonstwas gefahren werden.
Bleib du auf jeden Fall, wie du bist und behalte das Wesentliche im Auge. Denn das hat der Chef ja bis heute nicht erkannt … und es ist zu befürchten, die Lektion lernt er nicht. Selbst wenn er mal scheitert, sind alle anderen Schuld und zu langsam gewesen…. Oberarschloch!

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4. moondance14 - 03/01/2017

Ein Hoch auf diese Art mit seinem Personal umzugehen. Und am Ende wird sich wieder irgendwo beschwert, dass die Menschen sich nicht menschlich genug behandelt fühlen…das ist so selbstausbeuterisch und traurig.
Ich komme aus keinem Gesundheitsberug, aber ich find deine Einstellung wirklich klasse ❤

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5. akiaschubser - 04/01/2017

Mit Seitenhieben in Richtung Vertragsverlängerung hat unser Chef nie um sich geworfen. Allerdings hat er es dafür nicht für nötig gehalten, die Fahrzeuge vollständig zu halten. So war es normal, ab und an z.B. ohne AED zu fahren.
Zeitlicher Druck ging bei uns eher von der ILS aus. Wie zum Beispiel ein neuer Auftrag während man noch im S8 ist. Oder die Anrufe auf dem Handyob man denn jetzt endlich fertig sei.
Außerdem ist es in meinem Bereich scheinbar weder für Disponenten noch für RTW Besatzungen zumutbar, sich mit KTW Mannschaften abzugeben. Schön, wenn man vor jeder Notaufnahme mit Blicken geächtet wird.

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Hermione - 04/01/2017

Oh ja, Anrufe auf dem Handy gibts auch oft. Besonders schön während der Fahrt oder wenn man nen infektiösen Patienten hat. Und dann wird hinterher noch rumgemeckert, warum man nicht ans Handy ginge. Aber da kann man wunderbar an die Dienstanweisung verweisen, dass die Handynutzung im Dienst verboten ist. 😉

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6. Jerowski - 06/01/2017

Oha, das klingt echt wenig begeisternd bis extrem dreist!
Woanders ist zwar auch nicht alles optimal (wo gibt’s das schon?), aber eher manchmal etwas chaotisch oder durch äußere Umstände als durch die Führung absichtlich herbeigeführt. „Druck“ macht hier unterwegs eher mal die Leitstelle, aber auch nicht so wie beschrieben, sondern eher durch verplante Kollegen.
Und zumindest hier – aber ich glaube tendenziell auch in großen Teilen von D – besteht nach langer Personalschwemme schon seit mehreren Jahren eine zunehmende Personalknappheit. Auf solche Ideen käme hier keiner, es geht im Gegenteil vor allem darum Personal zu gewinnen, zu qualifizieren und zu halten!
Und größere Distanz zwischen RD & KT Leuten gibt’s auch eher nicht – wäre auch blöd, weil k(aum) einer nur eines macht.
Ich überlege gerade ob einige der Probleme weniger von der bis vor Jahren Personal-Überversorgung sonder auch von den oft eher ja wenig professionellen Werdegängen der Führungskräfte gerade in diesem Bereich herrühren?

Frohes Neues Jahr noch!

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